Lebenslang?

Gerade habe ich mir meinen Blog das erste Mal seit langer Zeit wieder angesehen. Lange Zeit ist vergangen. Tage. Wochen. Monate. Es fehlen sogar nur noch gute drei Monate und es wäre hier tatsächlich ein ganzes Jahr Stille eingetreten. Doch in meinem Kopf und in meinem Leben verliefen die letzten Monate alles andere als still. Es trug sich viel zu, Gutes wie Schlechtes und nicht nur einmal wollte ich einen ausführlichen Blogartikel darüber schreiben. Aber es fehlte mir die Kraft. Die Ruhe. Vielleicht sogar der Mut bei mancherlei Themengebiet…

Und nun sitze ich das erste Mal seit langer Zeit wieder am Abend vor meinen PC und tippe Tasten, um einen flüssigen Text entstehen zu lassen. Um meinen Traum vom Schreiben nicht gänzlich aufzugeben und anderen wieder Mut machen zu können. Mut, dass auch Menschen mit psychischer Erkrankung liebevolle und gute Eltern sein können. Mut, dass auch die schwierigsten Momente und Ereignisse überwunden werden können. Mut, an sich selbst zu glauben, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiterhin stark zu bleiben.

Das fiel mir dieses Jahr tatsächlich schwer. Gerade Anfang dieses Jahrs fühlte ich mich emotional zurückversetzt in Zeiten völliger Vorurteilsbehaftung. In meinem Artikel „Schubladendenken“ schrieb ich schon von starken vorherrschenden Vorurteilen gegenüber mir als Borderlinerin. Und genau so fühlte es sich nun schon wieder an. Vielleicht sogar noch ein Stück mehr. Ein Stück mehr Vorurteile. Ein Stück mehr Verletztheit. Ein Stück mehr Verzweiflung und Hilflosigkeit…

Ich war gezwungen mir in kürzester Zeit einen Psychotherapeuten zu suchen, der mir attestieren kann, dass ich trotz meiner Borderline Persönlichkeitsstörung keine Gefahr für Kinder darstelle, ansonsten hätte ich nicht weiter als Kindertagespflegeperson arbeiten dürfen. Ich recherchierte und suchte verzweifelt eine Anlaufstelle, die zeitnah einen Termin frei hat, was in unserem Gesundheitssystem alles andere als einfach ist (aber wem erzähle ich das hier…).

Ich fing also an zu recherchieren und stieß nebenbei auf folgendes Ergebnis:

„Neuere Studien konnten zeigen, dass nach sechs Jahren etwa 50% und nach 10 Jahren etwa 90% der Betroffenen die notwendigen Kriterien nicht mehr erfüllen.“ (Borderline-Störung: Prognose / Verlauf – www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org Stand: 12.09.2021)

Dieses Zitat gab mir Hoffnung. Aber konnte das möglich sein? All die Jahre hatte ich gelernt und schließlich auch geglaubt, dass die Diagnose „Borderline“ „lebenslang“ bedeutet, nämlich lebenslang Borderline zu haben, lebenslang eine psychische Erkrankung zu haben. War das ein Irrglaube? Und gibt es „Hoffnung“ für mich?

Aber zurück zur Therapeutensuche… Die war nämlich erfolgreich und nach dem zweiten Termin bei einem Psychotherapeuten und vielen Fragebögen wurde mir dann tatsächlich gesagt, dass ich momentan kaum ein Kriterium für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung erfülle. Zur Erinnerung: Es gibt 9 Diagnosekriterien, von denen mindestens 5 zutreffen müssen, um diese Störung diagnostiziert zu bekommen. Laut dem besagten Psychotherapeuten erfülle ich zur Zeit lediglich 2 der Diagnosekriterien.

So bekam ich also das Attest. Und ich fühlte mich zurück gelassen mit einer verschobenen Identität. Die Diagnose damals zu bekommen, war für mich tatsächlich ein gutes Gefühl. Das Auseinandersetzen damit, dass ich nicht allein war, das Austauschen mit anderen Betroffenen und dem Wissen, dass einige Verhaltensweisen krankheitsbedingt waren und ich aufgrund dessen wenig Einfluss darauf haben konnte. Das alles hat mir geholfen.

Und nun war diese Identität irgendwie weg. Doch das Leben mit Borderline war es nicht. Denn selbst wenn ich die Diagnosekriterien nicht mehr erfülle, so herrscht in den Köpfen weiterhin das verzerrte Bild von einem emotional instabilen Menschen, der eine Gefährdung für sich und andere ist und daher besonderes Augenmerk auf ihn gerichtet sein muss…

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