Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt

Tag vier* von den (vorerst) 35 Tagen Kitafrei ist vorbei. Zumindest schlafen nun alle drei Kinder friedlich. Ich nutze nun noch die Zeit, etwas aufzuräumen, aufzuatmen und Gedanken kreisen zu lassen. In mich hinein zu hören. Wie geht es mir? Und warum? Warum geht es mir nicht gut? Warum fällt es mir so schwer, mich über die gewonnene Familienzeit zu freuen, sie ausgiebig zu genießen, wo ich doch weiß, wie kostbar, wie wertvoll sie ist!? Warum bleibe ich in meinem dunklen Käfig der Gefühle stecken, unfähig mich daraus zu befreien?

Der gestrige Tag mit dem vielen Sonnenschein war noch einfacher zu ertragen. Wir waren viel im Garten, haben den Rasen gemäht und das Frühlingserwachen genossen – wir konnten sogar draußen Mittag essen! Auch das Töchterlein hat gestern Abend sehr lange am Stück geschlafen, sodass ich abends tatsächlich wirklich mal etwas schaffen konnte! Alles also Grund zur Freude, eigentlich.

Und dann wache ich heute Morgen auf und fühle mich schrecklich. Obwohl die Nacht nicht übermäßig katastrophal war, obwohl kein Wecker klingeln musste und wir uns nicht beeilen mussten, um pünktlich fertig zu werden. Obwohl mein lieber Ehemann mir den (zur Zeit entkoffeinierten) Kaffee ans Bett brachte, und obwohl meine Kinder mich freudig anlächelten: Ich fühle mich einfach schrecklich. Traurig, leer, unvollständig, lustlos, kraftlos. Und der gesamte Tag steht mir noch bevor. Mittags wird dann mein Geduldsfaden extrem auf die Probe gestellt, als ich mit allen drei Kindern versuche, Flammkuchen vorzubereiten: Teig anrühren, kneten, ausrollen, belegen… Die Küche glich einem Schlachtfeld… Auch hier rettet mich mein lieber Ehemann, indem er sich um die Jungs kümmert und ich mit der Kleinsten ein Mittagsschläfchen machen kann. Doch an meinem Gemütszustand ändert das leider nichts.

„Die häufigste Begleiterkrankung der Borderline-Persönlichkeitsstörung sind Depressionen. Einige Studien zeigen deutlich, dass fast 90 Prozent aller Borderline-Patienten auch an schweren Depressionen leiden. Beide Krankheiten sind Ausdruck dafür, dass der oder die Betroffene sich wertlos fühlt, ohne Hoffnung ist und wenig Selbstachtung hat.“ (Kreismann/Straus 2008, S. 157)

Die negativen Gefühlsspiralen begleiten mich schon ein Leben lang. Schon als Kind hatte ich Phasen voller gefühlter Trauer und auch im jungen Erwachsenenalter, bevor ich die Diagnose Borderline erhielt, fühlte ich mich oftmals unendlich traurig… Auch heute überkommen mich diese Gefühle und ich versuche sie mit all meiner Kraft beiseite zu schieben, stark zu sein, für meine Kinder. Ich versuche fröhlich singend den Tag mit meinen Kindern zu verbringen, doch es kostet unendlich viel Kraft. Es ist also schon so schwer genug und dann kommen doch noch zusätzliche Veränderungen dazu, mit denen ich selbst erst einmal zurechtkommen muss, die ich akzeptieren muss, lernen muss, loszulassen. Der große Sohnemann, der plötzlich allein in seinem Zimmer schlafen möchte und tatsächlich auch direkt ohne Einschlafbegleitung dort eingeschlafen ist, und dann noch der kleine Sohnemann, der nun auf das Stillen verzichten kann. Das ist wahnsinnig viel Veränderung auf einmal.  Wahnsinnig viel loslassen auf einmal. Natürlich lasse ich sie gewähren, doch es fällt mir unfassbar schwer, es auszuhalten. Wahrzuhaben, wie groß meine beiden Jungs schon sind. Wenn ich in ihre Gesichter blicke, sehe ich ihre kleinen zerknautschten Babygesichter, die in meiner Erinnerung gerade mal ein paar Tage alt sind…

Ich versuche also weiterhin alles zu geben, fröhlich singend den Tag mit meinen Kindern zu verbringen, Freude zu haben, Freude zu empfinden und weiterzugeben und nicht in meiner zu Tode betrübten Stimmung zu verweilen…

*Diesen Artikel habe ich schon Donnerstag verfasst, bin jedoch jetzt erst dazu gekommen, ihn zu veröffentlichen.

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