In Memoriam

Heute hätte er Geburtstag. Heute wäre er 55 Jahre alt geworden. Doch ihm wurde seine Sucht zum Verhängnis. Seine Sucht nach Alkohol. Vor 15 Jahren sah ich das Ausmaß erst, als es schon zu spät war. Als ich gezwungen war, mich um seine Beerdigung und alle damit verbundenen Angelegenheiten zu kümmern. Als ich in seine Wohnung kam, die noch heute, wenn ich daran denke, einen Schauer über meinen Rücken verursacht, und das ganze Ausmaß sah. Die vielen Bierflaschen. Den Dreck. Das Blut. Und sein letztes Passfoto: Gezeichnet von seiner schweren Sucht.

Und heute ist ein Tag, an dem ich besonders an ihn denke. Oftmals denke ich daran, wie es sein würde, wenn er meine Kinder kennen würde. Wie er sein würde als Opa. Wie er wohl als Vater und Ehemann gewesen wäre, hätte ihn seine Sucht nicht so eingeschränkt.

Heute stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wir heute einen weiteren Geburtstag feiern könnten. Und ich versuche mich zu erinnern. An gemeinsame Zeiten. An schöne Zeiten. Doch mit Erschrecken stelle ich fest, dass meine Erinnerungen verblasst sind. Nur bis zu meinem 9. Lebensjahr haben wir zusammen gelebt. Danach sind wir Hals über Kopf vor meinem Vater geflohen und hatten lange Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm. Erst später kam dieser wieder zustande, war aber oftmals nur sporadisch, wenig und durchwachsen, immer wieder verbunden mit längeren Pausen. Damals habe ich noch kein Tagebuch geschrieben und kann somit nicht auf geschriebene Erinnerungen zurückgreifen. Das würde ich so gerne. Ich würde so gerne mich an viele, schöne, Momente mit meinem Vater erinnern. Doch so sehr ich mich auch anstrenge, mir fallen kaum Situationen ein. Nur wenige, kleine Momentaufnahmen. Wie wir zum Beispiel an meinem Geburtstag zur Kirmes gegangen sind, ich hoch oben auf den Schultern meines Vaters. Oder als ich endlich aus dem Krankenhaus nach meiner Blinddarmoperation entlassen wurde und mein Vater gerade Pommes in der Fritteuse zubereitete. Er war freudig überrascht, dass ich da war und meinte, ich könne dann ja gleich mitessen. Ich erinnere mich noch, wie er mir nach einer Montage einen dicken Stapel buntes Papier zum Malen mitbrachte. Doch das sind tatsächlich auch die einzigen, wenigen Erinnerungen, die ich an ihm habe, die schön sind, die vor der Zeit sind, als wir von ihm weggezogen sind.

Dann gibt es da noch andere Erinnerungen. Wie ich in die Küche komme und er meine Mutter gepackt hat und er sie schlägt. Wie ich versuche dazwischen zu gehen und er auf mich losgeht. Wie oft wir in den letzten Wochen bei meiner Oma schlafen mussten und wie oft meine Mutter weinend von meinem Vater zurückkam, weil er wieder in seinem Alkoholrausch zuschlug. Wie oft er mich nach unserem Wegzug betrunken anrief. Manchmal sogar nachts. Als er mich mit einem Kumpel abholte, damit ich mal ein Wochenende bei ihm verbringen konnte. Er selbst konnte kein Auto fahren, daher kam der Kumpel mit. Doch der schlechte Beigeschmack: Beide tranken während der Autofahrt Bier.

Jetzt, wo ich darüber schreibe, fällt mir noch eine Situation ein, als ich ihn an einem Wochenende besuchte und dabei aber auch mit Freunden etwas unternahm. Ich war länger weg als geplant und als ich zurückkam, war mein Vater tatsächlich enttäusch darüber, das ich so lange weg war, er hatte extra für uns gekocht…

Egal, wie schwierig die Zeit damals mit ihm war. Egal, was alles passiert ist. Er ist mein Vater. Er war mein Vater und ist viel zu früh gestorben. Heute wäre sein 55. Geburtstag und ich denke an ihn. Auch wenn die Erinnerungen verblassen und kaum noch vorhanden sind.

Ich stelle mir einfach vor, wie es wäre, wenn er noch hier wäre. Was er für ein stolzer Opa wäre. Wie alles hätte verlaufen können, hätte er seine Sucht, seine Krankheit besiegen können…

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