Balsam für die Seele

Ich fühle mich ausgelaugt, erschöpft, traurig und leer. Vor allem leer. Innerlich und, falls es irgendwie geht, auch äußerlich. Wenn ich in den Spiegel blicke, schrecke ich vor mir selbst zurück. Tiefe, dunkle Augenringe, die ich kaum noch mit Make-Up überdecken kann, Haare, die in alle Richtungen abstehen und zumeist eine nicht zu verleugnende graue Farbe erhalten haben, schauen mich an. Der Begriff „Mombie“ fällt mir wieder ein. Und ich finde, es passt… Ich habe das Gefühl, nur noch zu funktionieren, ohne wirklich zu leben. Irgendwie bekomme ich alles hin, was getan werden muss und doch habe ich am Ende des Tages das Gefühl, überhaupt nichts geschafft zu haben, dass alles liegen geblieben ist, dass die To-Do-Liste nicht kleiner, sondern eher noch größer geworden ist. Während des Tages kommen mir immer wieder Gedanken, was noch zu erledigen ist und ich sage mir, dass ich es noch aufschreiben muss, sonst vergesse ich es wieder… Einige Tage später habe ich dann denselben Gedankengang wieder…

Mombie… Ich wandele also als Mutter umher oder doch eher als Zombie? Ein Mombie halt … Stänig habe ich das Gefühl, etwas vergessen zu haben, nichts getan zu haben, zu versagen. Kurz um: Ich fühle mich wie eine miserable Mutter, ein schlechtes Organisationstalent. Die Leere hat sich mittlerweile vollkommen um mich gelegt. Ich sehne mich nach Ruhe, Schlaf, Zeit für mich, nach Ausgleich… Doch ich finde mich lediglich immer wieder nur in der Spirale des „Zu-tun-Müssens-und-Erledigens“. Auch meine innerliche Anspannung ist häufig wieder im Extrembereich. Ich passe nicht genügend auf mich auf, sondern achte nur darauf zu funktionieren. Abzuhaken. Mein inneres Gleichgewicht lasse ich außer Acht – mit fatalen Folgen: Beim letzten Einkauf war ich nicht mehr so stark. Plötzlich lächelten mich die Rasierklingen an, schrien mir zu, ich solle sie mitnehmen, sie würde meine Probleme lösen und so landeten sie tatsächlich in meinem Einkaufswagen…

Nun schreien sie mich von meinem Schreibtisch aus an. Das Geschrei ist leider viel penetranter. Wäre ich im Laden stärker, resistenter gewesen, hätte ich sie liegen lassen können, dann könnten sie mich nun nicht zu Hause anschreien, dass es mit ihnen doch viel einfacher wäre. Dass sie mir den Druck und die Anspannung nehmen könnten und es mir dann endlich wieder gut gehen würde… Ich versuche mir die Ohren zuzuhalten und standhaft zu bleiben, obwohl ich zur Zeit das Gefühl habe, schlichtweg in allem zu versagen. Obwohl ich mich so leer, erschöpft und ausgelaugt fühle…

…und dann, mitten aus dem Nichts kommt spontan eine liebe Freundin zu Besuch. Nicht lang. Doch genau so lange, um genau das zu tun, was ich brauche: Balsam für die Seele. Ohne dass sie wirklich weiß, wie es mir geht, sagt sie innerhalb kürzester Zeitabstände, wie toll ich meinen Mama-Job mache, dass sie bewundert, wie gut ich das alles manage, trotz meiner Vorerkrankung. Und obwohl ich immer Probleme habe, Lob anzunehmen und es auch dieses mal wieder bagatellisiert habe, tat es gut. Und es tut immer noch gut. Es ist und bleibt Balsam für die Seele, zu hören, dass wir unseren Mama-Job gut machen.

Darum, liebe Mamas und Papas da draußen, mit und ohne Borderline, mit und ohne Depressionen und oder anderen Päckchen, die ihr zu tragen habt: Ihr macht einen unfassbar guten Job! Ihr liebt eure Kinder! Ihr seid für sie da! Ihr gebt ihnen Nähe, Geborgenheit und Sicherheit! Und ihr seid wunderbar!

1 Kommentar zu „Balsam für die Seele

  1. Alle Eltern, alle Mütter fühlen sich immer mal wieder – und das sind mehr, als nur kurze Momente, das können ganze Phasen sein – total überlastet, überfordert, überanstrengt. Und alle anderen kriegen das so gut, ja, lässig hin! – Lüge. Tun sie nicht. Die kennen die gleichen Momente. Geben es nur nicht zu, vielleicht nicht vor sich selbst zu, gewiß nicht vor der Welt, vor der Mama-Konkurrenz. Vielleicht sind sie aber auch nur grad im Moment im Flow, weil die Phasen gibts ja auch. Da stimmt die Chemie zwischen Mutter und Kind, da hat das Kind was Tolles gemacht oder auch nur gesagt, dass es die Mama lieb hat… und schon ist alles eitel Sonnenschein. Sicher nicht für lang.
    Ob solche Phasen auftreten – dafür spielts aber so was von überhaupt keine Rolle, ob und welche Vorerkrankungen oder sonstigen Einschränkungen vorliegen. Die Ausgestaltung, ja klar, schon. Alle Frauen nehmen Rasierklingen mit, aber die meisten doch nur für die Beine…
    Aber Kindergroßziehen ohne Tränen? Nein, ich glaube nicht, dass das schon eine Mama geschafft hat.
    Es ist ja auch die ultimative Aufgabe: rund um die Uhr für alles zuständig, verantwortlich. Am Beginn sowieso, und dann bombardiert einen die Gesellschaft mit immer neuen HErausforderungen. Meine Jüngste (ja, ich bin raus – aber dazu gleich mehr) hat ihre Masterarbeit abgegeben. Was war das für ein Stein, der mir vom Herzen fiel – jedes hat einen Beruf! Aber in der Verwandtschaft sind noch mehr Kinder und Jugendliche… nein, ich werde nicht meine Flügel über diese breiten, nicht mehr als schon geschehen! Wenn, dann Enkel.
    Aber bin ich denn jetzt raus? Man bleibt Eltern. Lebenslang. Ich werde weiter mit ihnen bangen und fühlen und ihnen helfen, wenn nötig. Und mir manch eine übergriffige Bemerkung erlauben. Denn sie sind doch meine Kinder…

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