Die Qual der Wahl

Wir alle müssen größere und kleinere Entscheidungen treffen. Was wir beruflich machen möchten, ob und wie viele Kinder wir haben möchten und vieles mehr. Einige Entscheidungen fallen uns leichter, andere sind schwieriger. Und wieder andere schieben wir immer wieder vor uns her. So geht es zumindest mir häufig. Entscheidungen zu fällen, war noch nie eine Leichtigkeit für mich. Viel zu oft wälze ich eine Entscheidung auf meinen Ehemann ab: „Entscheide du…“ Soll ich dann trotzdem eine Entscheidung treffen, weil mein Mann mal keine Lust hat eine Richtung vorzugeben, fällt es mir unheimlich schwer… Zudem bin ich hinterher durch die noch so kleinste Reaktion meines Umfelds verunsichert. War das nun falsch? Hätte ich es doch anders entscheiden/machen sollen?

„Kinder, die von Anbeginn ihres Lebens erfahren haben, dass sie gegen den Willen der Erwachsenen nicht ankommen, werden auch in späteren Situationen in ihre erlernte Hilflosigkeit zurückfallen. Selbst wenn sie etwas älter sind und trotzig gegen die Entscheidungen der Eltern rebellieren, können die Erwachsenen dies relativ leicht eindämmen, weil wenig Glaube an die eigene Kompetenz und Kraft sowie einen möglichen Sieg in den Kindern verankert ist.“ [Graf/Seide 2018: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Gelassen durch die Jahre 5 bis 10 S. 456 (Kindle Version)]

Was steckt hinter der erlernten Hilflosigkeit? Zurückzuführen ist der Begriff auf den Psychologen Martin E.P. Seligman und Steven F. Maier, welche Konditionierungsexperimente an Hunden und anderen Tieren durchführten, um die Entstehung von Depressionen zu erklären (daneben gibt es noch andere Modelle zur Erklärung von Depression). Vereinfacht zusammengefasst wurden den Tieren hierbei zufällige, unvorhersehbare und unvermeidbare Elektroschocks verpasst, was dazu führte, dass diese nach einigen Durchgängen absolut passiv reagierten, also nicht mehr durch ihr Verhalten versuchten, den Elektroschocks zu entgehen (vgl. https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/hilflosigkeit-erlernte/6552 Stand: 20.11.2019). Mit den erweiterten Untersuchungen lässt sich erlernte Hilflosigkeit damit beschreiben, dass es die Überzeugung ist, aufgrund von schlechten Erfahrungen die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation verloren zu haben und selbst daran Schuld zu sein.

Was hat das alles nun mit meinem Problem, Entscheidungen zu treffen zu tun? Gehen wir wieder zurück zu dem Zitat von Graf/Seide: Wenn unsere Eltern immer die Entscheidungen treffen und uns jegliche Entscheidungskompetenz verwehren, können wir gar nicht lernen, Entscheidungen zu fällen. Das beginnt bei der Kleiderwahl, geht weiter beim Thema essen und – vor allem noch vor einigen Jahren, doch auch heute leider noch häufig – setzt sich im körperlichen Bereich fort: Wem muss ich die Hand geben oder gar ein Küsschen geben, obwohl ich das nicht möchte?

Ich selbst habe also noch heute sehr damit zu tun und fühle mich gegenüber Autoritätspersonen wie z.B. Chefs immer klein. Das ist kein schönes Gefühl und gerade meine fehlende Kompetenz, Entscheidungen zu treffen, macht das Leben nicht nur für mich, sondern auch für meinen Mann schwer.

Ich hoffe also sehr, dass ich es zum einen noch lerne, und zum anderen, dass meine Kinder später kompetent Entscheidungen treffen können. Viele Dinge lassen wir sie selbst entscheiden. Wir erläutern ihnen die möglichen Konsequenzen, aber lassen Sie meist gewähren, beispielsweise, wenn sie keine Jacke anziehen möchten. Dann können Sie das tun, wir nehmen dann einfach eine Jacke mit, die angezogen werden kann, falls es doch zu kalt ist. Allerdings ziehen wir unsere Kinder dann nicht auf: „Ich habe es dir doch gesagt…“ Denn wie eingangs geschrieben, müssen wir alle Entscheidungen treffen und wir treffen mal gute, richtige Entscheidungen, mal schlechtere, nicht so tolle Entscheidungen. Gerade bei Letzteren ist das Unangebrachteste was wir brauchen, jemand, der uns vor der Nase hält, dass er es ja besser wusste. Genau das führt dann doch wieder zu Entscheidungshemmnissen…

4 Kommentare zu „Die Qual der Wahl

  1. Toller Text, tolle Analyse – passt genau zu mir! Danke!

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    1. Hallo Hoffende!
      Es freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Oftmals ist es doch sehr hilfreich, wenn man weiß, woher die eigenen Schwierigkeiten kommen… So kann man dann versuchen, daran zu arbeiten 🙂
      Liebe Grüße, Anika

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  2. Danke, der Beitrag war wirklich gut und erhellend. Zwar würde ich beim Jackenthema anders handeln, aber insgesamt finde ich wichtig, dass Kinder Entscheidungen treffen dürfen und auch mal selbst machen dürfen. So passieren Fehler, aber die sind extrem wichtig für die Entwicklung.

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    1. Hallo Dresden Mutti!
      Es freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Die Entscheidung, Jacke oder nicht, meinen Kindern zu überlassen, fällt mir manchmal auch nicht leicht… Entscheidungen zu treffen, muss gelernt sein und das geht eben nur, wenn es Möglichkeiten dazu gibt 🙂
      Liebe Grüße, Anika

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