Time is long but life is short* Teil III

* Zitat von Stevie Wonder

Mein Vater war gestorben und ich musste mich um die Beerdigung kümmern. Zudem musste ich mir einen Überblick über seine Finanzen schaffen, denn mit seinem Tod war ich Erbin. Neben Geld kann man aber auch Schulden erben. Ich wusste, dass mein Vater seit der Trennung von meiner Mutter nicht mehr gearbeitet hatte. Er selbst sagte mir mal, dass er nicht blöd sei und arbeiten gehe, dann müsse er ja Unterhalt zahlen.

Ich bekam die Schlüssel zu seiner Wohnung und ging hinein. Zum Glück begleitete mich auch hier meine Mutter wieder. Diesen Anblick werde ich nie vergessen können. Die Bilder verfolgen mich auch heute noch. Neben der Tatsache, dass mein Vater einige Tage unentdeckt tot in der Wohnung lag, konnte man deutlich die Spuren seines letzten Kampfes sehen… Eine Obduktion hat nie stattgefunden, dennoch wurde davon ausgegangen, dass er an Leberzirrhose gestorben ist. Die Bilder der Wohnung, sowie das letzte Passfoto von meinem Vater lassen keinen Zweifel, dass es wohl so war. Neben den verdorbenen Lebensmitteln und einer unglaublichen Unordnung konnte ich das Ausmaß der fortgeschrittenen Leberzirrhose sehen: An Wand, Toilette, Boden und anderen Stellen waren Spuren von dem sogenannten Teerstuhl sowie rotschwarzem Erbrochenen zu sehen. Mein Vater muss gewusst haben, dass es mit ihm zu Ende geht. Und er war allein. Er sagte niemanden Bescheid. Er rief mich nicht mehr an. Es muss furchtbar für ihn gewesen sein…

Nun war es für mich furchtbar durch diese Wohnung zu gehen: Dabei zu wissen, dass hier zuletzt mein Vater war und einsam gestorben ist. Das Chaos und den Schmerz zu sehen. Und zu wissen, ich kann mich nicht richtig verabschieden. Mich erfüllte heftiger Schmerz. Und ich wurde überrascht. Über dem Fernseher hingen zwei große Fotos von meinem Bruder und mir – eingerahmt. Ich hatte sie meinem Vater irgendwann einmal mit einem der vielen Briefe geschickt. Ich war überwältigt, dass mein Vater die Fotos tatsächlich noch hängen hatte. In der Vergangenheit hatte ich doch meist eher das Gefühl, wir seien im gleichgültig. Bei weiterem Durchsuchen seiner Sachen erfüllte mich Sprachlosigkeit. Jeden einzelnen Brief, den ich in all den Jahren meinen Vater geschrieben hatte, hatte er fein säuberlich aufgehoben und zusammen in einem Schubfach aufbewahrt. Ich konnte es kaum glauben, immerhin hatte ich nie eine Antwort erhalten. Ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Vater nie wirklich gekannt habe. Und das fühlte sich fürchterlich an. Mein schlechtes Gewissen, welches ich zuvor schon verspürte, als mir die Bedeutung des Todes klar wurde, verstärkte sich nun ungemein. Ich hätte für ihn da sein sollen. Ich hätte ihm öfter schreiben sollen. Ich hätte ihn nicht allein lassen sollen. Ich hätte… Ich hätte… Ich hätte… Mir wurde regelrecht schwindelig bei dem Gedanken, was ich alles hätte machen sollen… und es schmerzte so sehr, dass ich es nicht mehr konnte.

Diese Gewissensbisse begleiten mich auch heute noch. Zwar habe ich durch diverse Therapien gelernt, dass es nicht meine Aufgabe war, mich um meinen Vater zu kümmern, doch das schlechte Gewissen, das schlechte Gefühl bleibt weiterhin bestehen. Denn wie Johnny Depp richtig gesagt hat:

„Du kannst deine Augen schließen, wenn du etwas nicht sehen willst, aber du kannst nicht dein Herz verschließen, wenn du etwas nicht fühlen willst.“

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