Time is long but life is short*

*Zitat von Stevie Wonder

Ende September 2005 erhielt ich einen Anruf vom Ordnungsamt in Blankenburg. Eine weibliche Stimme teilte mir sachlich mit, dass mein Vater gestorben sei und dass ich als volljährige Nachkommin für die Bestattung etc. zuständig sei – das sei in Sachsen-Anhalt gesetzlich so festgelegt und würde ich dem nicht nachkommen, würde die Stadt dies übernehmen, doch das würde für mich zusätzliche Kosten bedeuten, denn zu den Bestattungskosten würden dann noch die Bearbeitungskosten etc. hinzukommen.

Empathisch war das Gespräch nicht gerade. In diesem Moment empfand ich das auch nicht als schlimm. Zunächst war es mir sogar ziemlich gleichgültig. Es hatte sich für mich ja nichts geändert. Ich war gerade 18 und von meinem Vater weggezogen sind wir, als ich 9 war. Neun Jahre lagen also dazwischen, in denen wir kaum Kontakt hatten. Ab und an gab es mal kurze Telefonate. Ab und an schrieb ich ihm mal einen Brief. Ab und an haben wir uns getroffen. Doch in der letzten Zeit hatten wir wieder keinen Kontakt. Zuletzt hatten wir im Frühjahr kurz telefoniert, als er einen Brief vom BAföG bekam und von mir wissen wollte, ob er etwas zahlen müsse. Ich erklärte ihm, dass er lediglich den Fragebogen ausfüllen müsse, damit ich Geld für mein Studium bekäme. Mehr nicht.

Ein, zwei Tage später wurde mir die Reichweite der Todesnachricht bewusst. Sein Tod war endgültig, unwiderrufbar. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, doch wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. Und daran hatte ich in der letzten Zeit immer wieder gedacht, es jedoch jedes Mal erneut aufgeschoben. „Das mache ich später“, sagte ich mir. Denn so richtig sicher war ich mir mit dem Kontakt eben doch nicht. Telefonate und auch Treffen in der Vergangenheit waren immer wieder mit starkem Alkoholkonsum seinerseits verbunden, was die Kontaktaufnahme für mich schwer machte: Ich sah uns wieder in unserer alten Wohnung, wie er auf meine Mutter losging, ich versuchte dazwischen zu gehen, bis er in seinem Alkoholrausch auf mich losging…

Dennoch hatte ich die letzten Wochen immer wieder überlegt, ihm mal wieder einen Brief zu schreiben. Das habe ich früher schon getan; Antworten habe ich nie erhalten, und so ließ ich es bleiben. Aber nun… war es nicht mehr möglich. Als mir das bewusst wurde, überrollte mich die Trauer. Und ich bereute es. Ich bereute, dass ich den Gedanken, wieder Kontakt zu meinem Vater aufzunehmen, nicht in die Tat umgesetzt hatte. Ich fühlte mich sogar schuldig. Denn in dem Anruf meines Vaters vor einigen Monaten sah ich nun einen Hilferuf. Wollte er so Hilfe erlangen?

Meine Gefühle fuhren Achterbahn, doch wirklich Zeit hatte ich nicht, mich mit ihnen zu beschäftigen, denn ich hatte nun einiges zu tun. Die Frau am Telefon hatte es mir ja genau erklärt: Ich hatte mich um die Beerdigung zu kümmern…

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