Auto + Schreiendes Baby + Reh = …

Meine Anspannung ist mal wieder immens hoch. Ich fahre mit meinem weinenden, übermüdeten Baby allein Auto, während mein Mann berufsbedingt in England ist. Oma hütet die großen Jungs und ich bin nun auf dem Weg zum Elternabend. Sicherlich wäre es viel einfacher gewesen, einfach zu Hause zu bleiben, zu sagen, ich könne nicht kommen, ich sei allein mit den Kindern. Jeder hätte Verständnis gehabt. Nur ich wollte das so nicht akzeptieren. Weil ich es wichtig finde, zu den Elternabenden zu gehen und Beteiligung zu zeigen. Weil es mich selbst immer traurig gemacht hat, dass meine Mutter selten zu diesen Veranstaltungen gegangen ist. Das hat in mir immer ein Gefühl von Gleichgültigkeit ausgelöst…

Doch nun verfluche ich mich selbst und meine hohen Ansprüche an mich. Ich bin gerade erst losgefahren, Töchterlein und ich sind nicht mal aus unserer Heimatstadt heraus und sie brüllt sich schon die Seele aus dem Leib. Sie ist absolut müde und hat keine Lust in dieser blöden Autoschale zu sitzen. Uns stehen noch weitere 15 lange Minuten bevor. Mir wird heiß, ich werde nervös, meine Fingernägel leiden mal wieder fürchterlich. Ich drehe die Musik laut auf. Manchmal hilft das ein wenig. Ob es hilft, weil ich selbst meist etwas entspannen kann, oder weil auch sie sich durch die Musik etwas runter regulieren kann, weiß ich nicht genau. Der Grund ist mir eigentlich auch egal, solange es tatsächlich hilft und wir einen Moment Verschnaufpause haben. Doch heute ist dies leider nicht der Fall. Vielleicht ist es einfach schon zu spät. Ich weiß es nicht, ich wünsche mir nur sehnlichst, dass sie aufhört, dass sie es schafft, einfach mal einzuschlafen, wenn sie müde ist…

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken und den kläglichen Versuchen, Töchterlein irgendwie abzulenken, gerissen. Es rumpelt und ich sehe nur noch einen Kopf vom Reh. „Scheiße“, denke ich mir, „hab ich gerade ein Reh angefahren?“ Ich hab nichts weiter gesehen oder gespürt. Nur ein leichtes rumpeln und es sah so aus, als sei das Reh weiter in den Wald gerannt… Neben mir schreit Töchterlein weiter. Es ist dunkel, es regnet in Strömen und wir sind mitten auf einer unbeleuchteten Landstraße… Hier anhalten und auf die Polizei warten? Ich kann nicht klar denken und fahre weiter. Es hat ja nur leicht gerumpelt und das Reh schien ja weiter gelaufen zu sein. So schlimm kann es nicht gewesen sein…

Also fahre ich weiter zur Kita, mit meiner schreienden Tochter. Im übernächsten Ort fängt die Ölkontrollleuchte an zu leuchten. Oh nein… War es doch schlimmer, als es sich angefühlt hat? Aber jetzt noch anhalten? Ich habe dieses Schreikonzert und den damit verbundenen Stress doch nur auf mich genommen, um an diesem blöden Elternabend teilzunehmen…

Ich fahre also die letzten sechs Kilometer weiter. Endlich an der Kita angekommen, parke ich und nehme Töchterlein aus der Autoschale, beruhige sie und auch mich. Doch als ich dann aus dem Auto aussteige und mir ansehe, was das kleine Rumpeln angerichtet hat, verschlägt es mir die Sprache und meine Anspannung wird für eine lange Zeit nicht mehr sinken… Mit dem Auto kann ich definitiv nicht mehr nach Hause fahren… Wie soll ich dann nach Hause kommen? Wie automatisch mache ich ein paar Bilder von dem Schaden, schicke sie mit den Worten „Wildunfall“ meinem Mann und gehe in die Kita…

Ich zittere am ganzen Körper und entschuldige mich direkt in der großen Runde, dass ich noch ein paar Minuten bräuchte, da ich gerade einen Wildunfall hatte. Alle zeigen Verständnis und bieten ihre Hilfe an.

Letztlich kann mich meine Mutter abholen. Die Polizei informiere ich nach dem Elternabend. Um das Auto muss ich mich am darauffolgenden Tag kümmern.

Auch heute noch, über eine Woche nach diesem Wildunfall, steigt meine Anspannung, wenn ich daran denke und darüber schreibe. Das Auto war erst ein halbes Jahr alt und repariert ist es leider immer noch nicht. Doch ich sage mir immer wieder ein Mantra: Zum Glück ist Töchterlein und mir nichts passiert. Es hätte auch ganz anders kommen können und das wäre wesentlich schlimmer gewesen, als ein blödes, kaputtes Auto…

2 Kommentare zu „Auto + Schreiendes Baby + Reh = …

  1. Wir sind vor einem halben Jahr über ein kurz vorher überfahrenes Wildschwein gerumpelt. Mit unserem Auto war nix, aber das verunfallte hatte einen wirtschaftlichen Totalschaden.
    Schon ein im Kühler hängendes Kaninchen vor einigen Jahren hatte eine fürchterliche Einschlagkraft.
    Ich kann deine innerliche Aufregung vollkommen nachvollziehen. Mir ging es ganz genauso. Und am Ende ist man froh, dass „nur“ das Auto kaputt ist.
    Alles Gute für dich und deine Familie!
    die Hoffende

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    1. Hallo Hoffende,

      vielen Dank für deine Antwort. Das klingt bei dir ja auch nicht viel besser. Ich hoffe, es war euer letzter Zusammenstoß mit „Mutter Natur“. Ich wünsche dir und deiner Familie auch alles Liebe und verbleibe

      mit besten Grüßen
      Anika

      Gefällt 1 Person

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