Hochrisikoverhalten

Meine Anspannung steigt ins unermessliche. Mir ist heiß und ich kaue vor Verzweiflung und Anspannung auf meinen Fingernägeln herum, die kaum noch vorhanden sind. Irgendwie muss ich mich konzentrieren. Irgendwie muss ich Auto fahren können. Doch leicht fällt es mir nicht. Neben mir ist meine kleine Tochter in der Autoschale ordnungsgemäß angeschnallt, doch sie findet das alles andere als in Ordnung. Sie brüllt sich die Seele aus dem Leib. Dicke Kullertränen laufen ihre Wangen hinunter, ihr Kopf ist puterrot und mächtig verschwitzt. Sie ist verzweifelt und ich auch. Immer wieder huscht mein Blick zur Uhr, ich rechne nach, wie lange es nun schon so geht, sage mir innerlich, wie lange ich noch durchhalte, ehe ich die Reißleine ziehe und irgendwo rechts ranfahre. Alle möglichen Ablenkungsmanöver sind schon geschehen. Mehr geht nicht mehr. Sie will und kann nicht mehr. Ich auch nicht mehr. Deshalb drücke ich das Gaspedal noch weiter nach unten, in der Hoffnung, schneller zu einer Parkmöglichkeit zu gelangen…

„Ein weiteres auffälliges und oft sehr gefährliches Verhaltensmuster ist ‚Hochrisikoverhalten‘. Darunter versteht man etwa das Balancieren auf Baukränen, Hochhausdächern oder Brückengeländern. Auch das Rasen auf der Autobahn oder das Sitzen auf Bahnschienen, bis die Vibrationen spürbar werden, usw. gehören dazu.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S 22)

Ich bin in kompletter Anspannung sehr scharf in die Bushaltenische reingefahren. Meine Mutter sitzt mit im Auto und sagt: „Spinnst du? Mit dir fahre ich nie wieder Auto!“. Sie hat recht, es war ziemlich doof. Aber mein Verstand und mein Handeln, die arbeiten gerade nicht mehr zusammen. Alles, was ich möchte ist, dass mein Töchterlein endlich aufhört zu weinen, sich beruhigt und wir in Ruhe nach Hause fahren können. Also nehme ich sie schnellstmöglich aus ihrem Sitz, lege sie an, um sie zu beruhigen. Es hilft. Sie hört auf, trinkt und nuckelt… Zwischendrin höre ich immer noch leise Schluchzer der Erschöpfung. Eigentlich ist sie mal wieder todmüde. Doch in den Schlaf findet sie immer nur schwer. Auch jetzt dämmert sie nur ganz kurz weg, ehe sie doch wieder hochschreckt. Wir müssen noch gute 15 Minuten Autofahren. 15 Minuten, die scheinbar überhaupt nicht vergehen wollen, wenn so ein kleines Würmchen im Auto so herzzerreißend weint…

Während meiner absoluten psychischen Tiefphase und meines stationären Aufenthalts in der Psychiatrie verhielt ich mich stark hochrisikoreich. Ich fuhr viel zu schnell Auto, überholte andere Autos sehr riskant und das alles auch noch unangeschnallt. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich innerhalb kürzester Zeit mit über 40 km/h zu viel geblitzt worden bin und mir Sorgen machte, meinen Führerschein abgeben zu müssen. Dass ich mit meinem Verhalten nicht nur mich, sondern auch andere Menschen in Gefahr brachte, war mir währenddessen überhaupt nicht bewusst. Einzig und allein raus aus der Gefühlsleere wollte ich, ich wollte mich wieder fühlen, mich lebendig fühlen und mit diesem Verhalten konnte ich genau das herbeiführen. Bohus und Reicherzer erklären dies in ihrem Buch damit, dass unser Gehirn in gefährlichen Situationen Adrenalin und Dopamin ausschüttet, was dazu führt, dass wir uns wach und lebendig fühlen.

Nun war ich aber nicht mehr allein im Auto. Meine drei Kinder und meine Mutter waren dabei. Wir waren schon über zwei Stunden gefahren. Meine Tochter hatte – ebenso wie wir alle – einfach keine Lust mehr. Doch das Weinen machte alles nur noch schlimmer. Hochrisikoreich wollte ich mich gar nicht verhalten. Vielleicht war es einfach die Angewohnheit von früher. Vielleicht aber auch meine eigene Verzweiflung, die noch bevorstehende lange Autofahrt zu verkürzen…

Egal, wie sich Hochrisikoverhalten auswirkt, wir müssen stets dabei bedenken, dass wir nicht nur uns selbst in Gefahr bringen, sondern auch andere Menschen. Andere Autofahrer. Zugfahrer. Menschen, die ein Unglück mitansehen müssen und dies nicht verkraften…

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