Zurück in die Kindheit

Kurz nach meinem 17. Geburtstag bin ich von zu Hause ausgezogen. Ich hielt es dort nicht mehr aus. Nach über einem Jahr Hilfe durch eine Sozialpädagogische Familienhilfe, die zu uns kam, weil ich beim Jugendamt darum bat, mich von zu Hause weg zu holen, die rein gar nichts brachte, war meine Bereitschaft, weiterhin lediglich Gespräche zu führen, die überhaupt nichts an meiner Situation ändern konnten, auf den Nullpunkt gesunken. Schließlich war das Hauptproblem der Mann meiner Mutter, welcher aber jegliche Zusammenarbeit mit der Sozialpädagogischen Familienhilfe ablehnte.

Ich hatte – mit der Auflage, eine Therapie zu machen – also die Erlaubnis, endlich auszuziehen. Weg von dieser Hölle. Weg von all den negativen Erinnerungen. Ich war unendlich glücklich und dankbar zugleich, euphorisch, doch meine Enttäuschung, die darauf folgte, ließ nicht lange auf sich warten. Denn es gestaltete sich mehr als schwierig, eine Wohnung für mich zu finden, da die Vermieter allesamt es nicht gut hießen, ein minderjähriges Mädchen als Mieterin zu nehmen – trotz dass meine Mutter für mich bürgte. Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis ich endlich einen Vermieter fand, der mir eine kleine 1-Zimmer-Wohnung zugestand.

Den Tag des Umzugs konnte ich kaum abwarten. Schon Tage vorher packte ich alles zusammen und ließ nur noch unverpackt, was ich bis zu Letzt benötigen würde. Ich weiß noch, wie ich den ersten Abend in meiner eigenen Wohnung feierte. Ich war so glücklich, fühlte mich so frei. Freiheit. Frei von Angst. Frei von Kontrolle.

Jahrelang lebte ich unter ständiger Angst. Die letzten Monate waren besonders schlimm, nachdem ich beim Jugendamt war. Ich verharrte stundenlang in meinem Zimmer, versuchte meinen Harndrang zu kontrollieren, sah permanent aus dem Fenster, um zu sehen, wann er das Haus verlässt, damit ich endlich zur Toilette konnte.

Ich weiß noch, wie er mir und meiner Mutter androhte, mich umzubringen. Meine Mutter hatte diesmal auch solche Angst, dass er es ernst meinte mir etwas anzutun, dass sie mich bei unseren Nachbarn unterbrachte. Ich sollte am nächsten Morgen erst wieder kommen, wenn er das Haus verlassen hätte.

In anderen Situationen schlug er mir beispielsweise den Kaffee aus der Hand, weil ich seiner Meinung nach nichts mehr in seinem Hause bekommen sollte. Oder er schlug mich gegen die Zimmerwand, schubste mich über das Bett oder entfernte meine Zimmertür, damit ich keinerlei Privatsphäre mehr hatte. Es gibt dutzende von solchen physischen Attacken – die zahlreichen psychischen Angriffe nicht mitgezählt.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass ich meine erste Nacht in meiner eigenen Wohnung feierte und ausgiebig genoss. Endlich fühlte ich mich frei. Unbeobachtet. Musste keine Angst vor dem nächsten Schritt haben, Angst davor, etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

Jetzt, wo ich dies schreibe, jahrelang nach diesen angstbesetzten Momenten in dem Haus mit ihm, fühle ich immer noch diese Angst, die in mir hoch kriecht, die Angst, etwas Falsches zu tun, zu sagen oder sonst irgendwie irgendetwas zu tun, was seinen Zorn schüren könnte. Es ist schon so lange her, und doch fällt es mir noch heute unfassbar schwer, Entscheidungen zu treffen, meine Meinung zu sagen, oder etwas zu tun, von dem ich weiß, dass es ein anderer Mensch in meiner Umgebung nicht gutheißen wird. All die Jahre haben sich eingebrannt in mir und erschweren mir auch heute noch das Leben…

1 Kommentar zu „Zurück in die Kindheit

  1. Ich freue mich, dass du da raus konntest und jetzt ein anderes Leben leben kannst. Leider ist die Vergangenheit ein lästiges Ding… Mich lässt sie auch nicht in Ruhe. Aber es gibt gute Zeiten, die sind die wirklich wichtigen.
    Ganz liebe Grüße
    die Hoffende

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