Depressionen

„Die meisten Borderline-Patientinnen kennen starke Stimmungsschwankungen und kurze Phasen der Niedergeschlagenheit. Nicht selten kommt es aber auch zu schweren depressiven Zuständen. Ein anhaltendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Verlust des Antriebes. Was man unter ‚Antrieb‘ versteht, kann man erst begreifen, wenn er plötzlich geschwächt ist, oder ganz fehlt.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S 25)

Erst kürzlich habe ich mich mit einer Freundin über solche schweren depressiven Zustände unterhalten und uns beiden erging es bei diesem Gespräch ähnlich: Wir waren froh und erleichtert, dass uns endlich jemand verstand. In dem obigen Zitat heißt es ganz richtig, dass man erst den „Antrieb“ versteht, wenn er geschwächt ist oder gar ganz fehlt.

In meiner schwersten depressiven Zeit konnte absolut niemand verstehen, dass ich bis 16 Uhr und länger im Bett liegen blieb. Dass ich für nichts Kraft hatte, weder für das Aufstehen, noch zum Essen. Alles fühlte sich so verdammt schwer und unerreichbar an. Doch Verständnis gab es keines, nur Vorwürfe, weil mein Hund zum Beispiel nicht raus kam.

Meiner Freundin erging es ebenso: Keiner in ihrem Umfeld konnte nachvollziehen, dass sie für die einfachsten Dinge einfach keine Kraft hatte, dass selbst das bloße Aufstehen, Duschen und Anziehen unbändige Kraft erforderte, Kraft, die sie oft nicht hatte.

Mittlerweile können wir viel über das Thema Depressionen hören und lesen – es ist fast allgegenwärtig geworden, doch wenn es uns selbst betrifft, dann fehlt dennoch oftmals das Verständnis. Ob es nun daran liegt, dass wir häufig von solchen Dingen wissen, aber uns doch sagen, dass es nur die anderen trifft, nicht jedoch uns oder unseren Liebsten, sei dahingestellt. Fakt ist, dass meine Freundin und auch ich uns in dieser unfassbar schwierigen Lebensphase allein gelassen gefühlt haben und uns Verständnis gefehlt hat. Hätten wir zur damaligen Zeit miteinander darüber gesprochen, hätte uns dies sicherlich geholfen, denn auch dieses erst kürzliche Gespräch hat uns sehr geholfen. Es tat so gut, darüber zu sprechen, sich verstanden zu fühlen und zu hören, dass ich nicht alleine bin.

Dabei weiß ich sehr wohl, dass ich auch damals nicht alleine war. Ich hatte meinen jetzigen Ehemann schon an meiner Seite und auch meine Freundin, die mich erst auf das Thema Borderline gebracht hat, war für mich da. Doch in diesem schwarzen Loch, in dem ich gefangen war, konnte ich das nicht sehen. Für mich war alles von schwarzer Farbe überzogen, Farben und Freude waren für mich nicht sichtbar. Alles fühlte sich wie bleierne Schwere an und ich wollte dieses Gefühl nur noch loswerden – um jeden Preis. Ich hatte das Glück, dass mein Mann und meine Freundin sich sorgten und für mich sorgten, sodass ich letztlich in die Klinik zur Krisenintervention kam. Dieser Aufenthalt rettete mich höchstwahrscheinlich vor Schlimmeren.

Leider gibt es da draußen jede Menge Menschen, die keinen Rückhalt haben, denen nicht geholfen wird und die in ihrer Not nur eine Lösung sehen. Eine Lösung, die für sie selbst als Erlösung erscheint, für die Menschen in ihrer Umgebung ein furchtbarer Schock  ist und ihnen den Boden unter den Füßen wegreißt.

Darum sollten wir alle die Augen offen halten, feinfühlig sein und nicht mit Vorwürfen an die Situation gehen. Wir sollten hinhören, da sein und unsere eigenen Sorgen ebenso benennen.

Zwar ist dies leider kein Garant dafür, dass sich alles zum Guten wendet, denn Hilfe gelingt erst, wenn der Betroffene selbst erkennt, dass er Hilfe braucht, und sie auch zulässt, doch zumindest ist es ein gutes Mittel, ohne Vorwürfe an die ohnehin schwierige Situation zu gehen…

1 Kommentar zu „Depressionen

  1. Das habe ich auch erlebt. Ohne Borderline, aber wenn sich schon der schwarze Schleier wieder über alles legte… Es fehlt dann sowohl die Kraft zum Aufstehen als auch ein Grund, um diese unwahrscheinlich Anstrengung in Angriff nehmen zu können. Schön, wenn sogar die eigene Mutter einen dann als „faul“ und „unmöglich“ bezeichnet. Auch unser Nachbar äußert sich verächtlich. „Ihr schlaft ja vormittags immer. Da kann man ja nichts schaffen.“
    Momentan hilft mir meine Therapie sehr, das Leben leichter zu nehmen. Als ich sie angefangen habe, ging es mir sehr, sehr schlecht und das Wort „leicht“ allein war für mich gar nicht fassbar.
    Aber wie will man das jemandem erklären, der das noch nie erlebt hat?
    Ich wünsche dir eine hoffentlich positive Zeit, liebe Anika.
    die Hoffende

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