Wackelzahnpubertät

Unser ältester Sohn bringt mich zur Zeit täglich an meine Grenzen. Erst vor kurzem fragte mich auch mein Mann, ob Sohnemann schon in der Pubertät oder wieder zum Kleinkind mutiert sei und sich mitten in der Trotzphase befände. Nichts dergleichen ist der Fall – wir befinden uns „lediglich“ in der sogenannten Wackelzahnpubertät.

Sicherlich gibt es nun einige, die der Meinung sind, die Wackelzahnpubertät ist eine neumodische Erfindung, ein Name, den Eltern gebrauchen (können) um ihre Hilflosigkeit mit ihren Kindern in der Vorschulzeit zu benennen, schließlich findet man wenig Literatur zu diesem Thema. Doch nur, weil es bisher wenig Literatur zu diesem Thema gibt, heißt das noch lange nicht, dass es sie nicht gibt.

„Viele Kinder werden besonders in der Pha se zwischen Kindergarten und Grundschule mürrisch oder potenziell explosiv, sodass diese Zeit auch Wackelzahn- oder Vorschuldpubertät genannt wird. Oft sind Eltern überrascht vom plötzlichen Wandel im Verhalten ihrer Wackelzahn-Rebellen.“ (Graf/Seide 2018, S 139)

Schon als mein ältester Sohn noch nicht mal zwei Jahre alt war, hörte ich von seiner damaligen Erzieherin, ihr Sohn verliere gerade seine ersten Zähne und sei seitdem wie ausgewechselt – seine Seele würde ebenso mit wackeln.

Nun befinden wir uns selbst in dieser Zeitspanne und ich kann absolut nachvollziehen, was die Erzieherin damals meinte. Unser Sohn scheint momentan von seinen Gefühlen überwältigt zu sein und erinnert in vielen Dingen an einen Teenager, der in einem Augenblick gut gelaunt und ausgeglichen ist und im nächsten Moment komplett von Wut erfüllt wird, Türen schmeißt und die Aggressionen irgendwie ablassen muss. Diese Wutausbrüche ziehen sich über eine enorme Zeitspanne hinweg und jegliche Versuche, die Wut einzudämmen und das Dilemma zu bewältigen, scheitern. Oftmals benötige ich mehr als eine halbe Stunde, um die emotionale Krise unseres Sohnes zu besänftigen.

Es verlangt von mir sehr viel Energie, Ausdauer und Geduld, unseren „Pubertierenden“ zu begleiten, doch genau das ist es, was er braucht. Geduld, Zuwendung, Geborgenheit – die Erfahrung, dass er immer geliebt wird, auch wenn er von solch unbändiger Wut benebelt ist. Immerhin durchlebt er gerade eine sehr schwierige Zeit: Zum einen ist er vor kurzem erneuter Bruder geworden und das Babylein fordert viel Aufmerksamkeit ein, Aufmerksamkeit, die unserem Sohn nun fehlt. Zum anderen kommen viele seiner jetzigen Freunde aus dem Kindergarten in die Schule und ihm wird bewusst, dass dies nun die letzten Tage sind, an denen er sie sehen und mit ihnen spielen kann. Und mehr noch: ab dem neuen Kindergartenjahr ist er selbst ein sogenanntes „Sommerkind“, d.h. dass er in die Schule kommen wird; und schon jetzt fragen ihn viele Menschen, ob er sich schon auf die Schule freue. Meistens erwarten die Menschen von ihm auch irgendwie, dass er diese Frage bejaht. Doch was genau sich hinter dem Schuleintritt verbirgt, das weiß er ja noch gar nicht. Wie soll er also tatsächlich wissen, ob er sich freut? Einzig und allein der Umstand, dass er dann sein gewohntes Umfeld – nämlich die Kita mitsamt den Kindern und Erzieherinnen – verlassen muss, um in ein neues einzutauchen, von dem er eben nicht weiß, wie es sein wird, ist ihm bewusst.

Es ist also eine verdammt schwierige Zeit, die er gerade durchstehen muss. Und wir Eltern haben die Pflicht und Verantwortung, ihn darin zu begleiten und für ihn da zu sein. Ihm zu zeigen, dass Gefühle vollkommen in Ordnung sind, ob es nun Trauer, Wut oder Freude ist. Gefühle sollten nicht bestraft werden, denn genau dann lernen unsere Kinder, dass es besser ist, seine eigenen Gefühle hinunter zu schlucken und das dies für die psychische Gesundheit nicht gerade förderlich ist, weiß ich selbst am besten.

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