Für meinen Sohn…

Erst kürzlich erzählte mir meine langjährige Freundin, die vor kurzem erst ihr zweites Kind bekommen hat, wie sehr sie die Zeit mit ihrem ersten Kind vermisse. Sie sei so glücklich über die Geburt ihres zweiten Kindes, genieße diese intensive Kuschelzeit und alles, was dazu gehöre, und dennoch vermisse sie so sehr die Zeit mit ihrem ersten Kind.

Das hat mich sehr an mein zweites Wochenbett erinnert: Zwei Jahre lang war ich mit meinem großen Sohn tagtäglich zusammen, habe mit ihm gespielt, gegessen, den Alltag gemeistert. Dann kam mein zweiter Sohn zur Welt, der lautstark seine Aufmerksamkeit einforderte. Stundenlang schrie er sich die Seele aus dem Leib und mein gerade zweijähriger kam dabei natürlich viel zu kurz. Spielen, kuscheln… Das alles ging plötzlich nur noch portionsweise, manchmal gar nicht. Ich weiß noch sehr genau, wie ich den Großen versucht habe, in den Schlaf zu begleiten, während ich mein kleines schreiendes Bündel im Arm hatte, stillte und wiegte und hoffte, der Große könne bei diesem Lärm irgendwie einschlafen…

Es war eine sehr schwierige Zeit und auch ich vermisste sehr die Zeit mit meinem Großen. Die alleinige Zeit mit ihm. Und mich plagte zudem das schlechte Gewissen. Schließlich hatte er sich ja nicht ausgesucht, ein Geschwisterchen zu bekommen, dass ihm alle Aufmerksamkeit stahl, dass er nun Mama und Papa teilen musste. Und nun war der kleine Bruder da, schrie so viel und laut und ich konnte mich kaum noch um den Großen kümmern… Das tat mir so wahnsinnig weh und ich dachte, wenn es mir schon so schlecht damit ging, wie sah es dann in dieser kleinen Kinderseele aus?

Und auch heute ergeht es mir so. Unsere kleine Tochter ist nun seit einigen Wochen auf der Welt. Bisher ist sie die meiste Zeit sehr entspannt und ausgeglichen, dennoch ist sie – wie ihre Brüder – ein absolutes Tragekind, welches sehr, sehr viel Körpernähe benötigt. Ich gebe mein Bestes, den beiden Großen gerecht zu werden, mit ihnen zu spielen, herum zu albern und alleinige Zeit zu organisieren, doch das Gefühl, sie kommen viel zu kurz, sie müssen viel zu sehr zurück stecken, das bleibt…

Ich vermisse die Zeit, in der ich meinen Großen alleine in die Arme schließen konnte, ohne dass jemand eifersüchtig an meinem Rockzipfel hängt.

Ich vermisse die Zeit, in der wir Arm in Arm gemeinsam eingeschlafen sind, ganz nah beieinander.

Ich vermisse die Zeit, in der ich mit ihm ausgelassen auf dem Spielplatz herum toben konnte.

Ich vermisse die Zeit, in der wir in Ruhe auf dem Sofa kuscheln und ein Buch nach dem anderen lesen konnten.

Ich vermisse die Zeit, in der ich mit ihm in Ruhe kochen und backen konnte.

Ich vermisse die Zeit, in der ich morgens mit ihm im Bett noch ausgiebig kuscheln konnte.

Ich vermisse die Zeit, in der ich nur ihn hatte, tagtäglich jede Minute, jede Sekunde.

Wenn ich meine Kinder abends ins Bett bringe und den Tag Revue passieren lasse, wird mir mal wieder bewusst, wie wenig Zeit ich mit meinen Großen hatte. Zwar haben wir den Tag gemeinsam verbracht, doch es kommt mir so vor, als hätten wir nebeneinander her gelebt. Nur mühselig kann ich mich an Situationen erinnern, in denen ich voll und ganz für sie da sein konnte und selbst in diesen Momenten lag das kleine Geschwisterchen dabei.

Ich liebe alle meine drei Kinder abgöttisch und zu sehen, wie sehr sie sich lieben, füreinander da sind und sich gegenseitig helfen, erfüllt mich ebenso mit unbändiger Liebe und Stolz. Ich bin dankbar und froh eine fünfköpfige Familie zu haben, und doch vermisse ich die Zeit zu dritt. Weil mir einfach die Zeit fehlt, die Zeit nur mit meinem großen Sohn allein, so wie früher… 

2 Kommentare zu „Für meinen Sohn…

  1. Danke für diesen aufschlussreichen und einfühlsamen Beitrag! Ich werde ihn mal weiterempfehlen, denn da ist jemand sehr glücklich mit dem ersten Kind, aber auch sehr beansprucht. Ein zweites Kind ist im Gespräch, aber die Unsicherheit ist groß. Ich lese hier sehr gute Argumente – für beide Möglichkeiten.

    Aus Kindersicht kann ich dich auch gut verstehen. Ich bin 9 Jahre älter als meine kleine Schwester und denke gerne an die Zeit, in der ich meine Mutter ganz für mich hatte. In der Zeit danach war ich dann „große Schwester“.

    Liken

    1. Hallo Hoffende!

      Vielen Dank für deinen Kommentar, den ich sehr interessant finde. In der Tat ist nicht immer ganz einfach mit mehreren Kindern; aber aus voller Überzeugung kann ich dir sagen, dass jedes Kind für mich eine Bereicherung ist. Auch wenn es manchmal schwer fällt, ich glaube nicht, dass ich mich je besser hätte entscheiden können.

      Liebe Grüße, Anika

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close