Zu viel Liebe?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich im Zusammenhang mit der Erziehung meiner Kinder schon hören musste, dass ich sie verwöhne. Ob es nun das Tragen ist, Familienbett, stillen oder die rasche Reaktion auf das Weinen meines Babys.

Erst vor kurzem besuchte mich meine Tante und in der kurzen Zeit, die sie bei mir war, gebrauchte sie das Wort „verwöhnt“ in Bezug auf meine kleine Tochter äußerst häufig. Warum? Einfach nur, weil meine kleine Tochter auf dem Arm herum getragen werden wollte – saß man, weinte sie.

Ich persönlich finde dieses Phänomen alles andere als überraschend und kenne es natürlich auch von meinen großen Söhnen, die im Vergleich zu meiner Tochter deutlich mehr und intensiver als Säuglinge weinten.

Unsere Babys werden schließlich neun Monate im Bauch durch die Welt getragen, sie sind wohl geborgen in Mamas Bauch, hören ihren Herzschlag, das Rauschen ihres Blutes, ihre Stimme und werden sanft durch ihre Bewegungen geschaukelt. Kommen sie dann auf die Welt, ist plötzlich alles anders und fremd. Das ist angsteinflößend. Daher benötigen diese kleinen Babys Nähe und Geborgenheit. Sie weinen in diesem Alter nicht, weil sie uns manipulieren und ihren Willen durchsetzen wollen, sondern weil sie Grundbedürfnisse haben, die befriedigt werden wollen und müssen. Neben Nahrung und Schlaf gehört auch die Nähe/Liebe dazu. Wird dieses Grundbedürfnis nicht erfüllt, macht sich unbändige Angst – Existenzangst – breit, das ist evolutionsbiologisch ganz einfach erklärt. Früher war es für Babys absolut lebensgefährlich, alleine in der Höhle ohne Mamas Schutz zu liegen – wilde Tiere hätten leichtes Spiel gehabt. Für Babys ist diese existenzielle Angst immer noch vorhanden, sie wissen nicht, dass wir heute nicht mehr von gefährlichen Tieren umgeben sind, sondern in Sicherheit in den eigenen vier Wänden.

Dass Kinder in ihren eigenen Betten möglichst noch im eigenen Zimmer fernab von ihren Eltern schlafen (sollen) und im Kinderwagen/Stubenwagen/Babywippe abgelegt werden (sollen) ist eine neumodische Entwicklung unserer westlichen Kultur. Was noch heute in vielen anderen Kulturen Gang und Gebe ist, wurde auch bei uns früher so gehandhabt: Gemeinsames schlafen im Familienbett und stetiger Körperkontakt durch das Tragen.

Häufig steckt hinter den gut gemeinten Hinweisen, dass man seine Kinder verwöhne, die Angst, die Kinder zu verziehen. Dass ungezogene Kinder hervortreten, die ständig provozieren und ärgern. Doch ein solches Verhalten ist meist nicht dem angeblichen Verwöhnen der Eltern geschuldet, sondern vielmehr der zu geringen Aufmerksamkeit der Eltern. Solche Kinder versuchen nämlich durch ihr Verhalten endlich Aufmerksamkeit zu erlangen und sei es nur negative Aufmerksamkeit.

Spätestens nach Erik Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung wissen wir, dass das Entwickeln des Urvertrauens von immenser Bedeutung ist. Dieses kann sich jedoch nur einstellen, wenn ich alle Bedürfnisse meines Babys zuverlässig erfülle und hierzu zählt nun mal neben der Nahrungsaufnahme auch das Tragen, Schlafen bei den Eltern und das sofortige Trösten beim Weinen.

Letztlich bin ich auch der Meinung, dass es nicht genug Umarmungen, Küsse, Tragemomente und Händchen halten geben kann. Ich verziehe meine Kinder nicht, in dem ich sie zu viel liebe, denn es kann nie zu viel Liebe geben!

Die Zeit, die wir mit unseren Kinder verbringen, ist verglichen mit der restlichen Zeit unseres Lebens eine verdammt kurze Zeit, darum müssen wir Eltern diese Zeit genießen. Irgendwann ist diese Zeit nämlich vorbei…

 

3 Kommentare zu „Zu viel Liebe?

  1. Ich habe noch keine Kinder, sehe das aber alles sehr ähnlich. Ich glaube nicht, dass man Kinder mit zu viel Liebe und Aufmerksamkeit verzieht.. vielmehr zieht man sie zu zufriedenen, selbstbewussten Menschen heran

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    1. Hallo starkbleibenblog!
      Du hast absolut recht! Nur durch bedingungslose Liebe können sich die kleinen Menschlein zu glücklichen und selbstbewussten Erwachsenen entwickeln! Und letztlich brauchen doch auch wir Erwachsenen noch Liebe und Geborgenheit! 🙂
      Liebe Grüße, Anika

      Gefällt 1 Person

  2. Wunderbarer Beitrag, Anika!
    Dazu gibt’s auch interessante Hintergründe in unserer Geschichte:
    Ich rolle ja sonst schon mal gerne mit den Augen, wenn mal wieder jemand zu einem aktuellen Thema die Nazi-Klatsche auspackt. Aber diesmal muss ich es selbst tun:
    „Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.“
    Zitat: Johanna Haarer, Lungen(!)fachärztin, in ihrem Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von 1934
    Das Buch wurde, nur von übelster, brauner Ideologie befreit, nach dem Krieg neu aufgelegt und verkaufte sich noch bis in die 80er unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“.
    Bindungsforscher (z.B. Klaus Grossmann oder Karl-Heinz Brisch) sind sich einig, dass eine solche Erziehung, wie Haarer sie empfiehlt, schädlich ist und zu erheblichen Bindungsstörungen inklusive psychischer Folgeprobleme führen kann. Außerdem belegen wissenschaftliche Studien, dass Bindungsverhalten über Generationen hinweg von Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird.
    Diese Zusammenhänge sowie interviewbasierte Studien mit Kriegskindern (Während des NS-Regimes Geborene) und ihren Familien legen die Befürchtung nahe, dass sich die schädlichen Erziehungsempfehlungen von Frau Haarer noch bis in die Generation der Enkel der Kriegskinder auswirken.
    Wenn also scheinbar erfahrene, gestandene Mütter und Väter, Tanten, Onkel, Großeltern oder Nachbarn ungefragt Erziehungsratschläge dieser Richtung verteilen, einfach mal weghören oder auf einen umfassenden Artikel hierzu verweisen (findet sich z.b. unter dem Titel „Erziehung für den Führer“… Ich weiß nicht ob ich hier konkretere Literaturwerbung machen darf ;))
    Liebe Grüße und mach weiter so!

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