Jubiläum

Ich erinnere mich noch sehr genau an meine Schulzeit, in der ich gegenüber jedem felsenfest behauptete, dass ich niemals heiraten und Kinder bekommen wolle. Warum war für mich ganz klar: Ich hatte vor Augen, wie die erste, aber auch die zweite Ehe meiner Mutter jeweils völlige Desaster waren. Alkohol, psychische und physische Gewalt standen auf der Tagesordnung. Ich wollte mich definitiv nicht in Gefahr begeben und mich an einen Mann ketten, der mir auch so etwas antut. Kinder wollte ich auf keinen Fall in die Welt setzen, denn ich hatte immer wieder vor Augen, wie sehr ich unter der Trennung meiner Eltern gelitten habe und auch das Familienleben selbst als Zumutung empfand. So etwas wollte ich nicht wiederholen…

Viele in meinem Umfeld haben immer wieder gesagt, dass ich nur „den Richtigen“ kennen lernen muss, dann würde ich meine Meinung schon noch ändern. Diese vermehrten Aussagen haben mich teilweise sehr wütend gemacht. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich eben davon überzeugt, dass ich niemals heiraten und Kinder bekommen werde. Ich konnte es mir aufgrund meiner damaligen Situation und den oben genannten Erfahrungen absolut nicht vorstellen und die Tatsache, dass andere Menschen meinten mich besser zu kennen als ich mich selbst, ärgerte mich.

Doch wie heißt es so schön? Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So war es auch bei mir. Ich lernte meinen jetzigen Ehemann kennen und war direkt beim ersten Treffen hin und weg. In der nächsten Zeit schrieben wir uns sehr viel via Internet, denn wir wohnten weit voneinander entfernt. Wir machten unser erstes Treffen aus und telefonierten im Anschluss stundenlang. Wir waren in einer festen Beziehung.

Der Wunsch, diesen besonderen Menschen zu heiraten, kam bei mir wahnsinnig schnell – und das obwohl ich doch nie heiraten wollte. Doch schon nach nicht einmal einem halben Jahr lag ich meinem jetzigen Ehemann ständig in den Ohren, dass ich ihn heiraten wolle. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir direkt zum Standesamt gehen können…

Wenn ich heute daran zurück denke, wie schnell ich plötzlich heiraten wollte, wie schnell ich meine Meinung geändert hatte, als ich „den Richtigen“ kennen gelernt habe, muss ich auf der einen Seite schmunzeln, auf der anderen Seite bin ich etwas beschämt darüber, dass ich meinen Mann mit dieser Frage so bedrängt habe.

Meine Sinneswandlung damals ist ganz leicht mit meiner Erkrankung zu erklären: „Verzweifeltes Bemühen, reales oder eingebildetes Verlassenwerden zu verhindern“ (Kreisman/Straus 2008, S 28) ist eines der neun Diagnosekriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Vielleicht mag mein abrupter Sinneswandel aufgrund meiner starken Gefühle zu meinem Mann gekommen sein, wahrscheinlich hat jedoch meine Krankheit noch einiges mehr dazu beigetragen…

Zum ein oder anderen Zeitpunkt hat fast jeder von uns die Befürchtung, ein geliebter Mensch könne uns verlassen. Aber für Borderline-Kranke kann die Angst vor dem Verlassenwerden – die in einer jahrelangen Familiengeschichte wurzelt – außerordentlich schmerzlich sein.“ (Kreisman/Straus 2008, S 47)

Diesen Schmerz wollte ich definitiv umgehen. Ich konnte und wollte mir ein Leben ohne meinen Mann nicht mehr vorstellen, daher wuchs der Wunsch, ihn zu heiraten. Der Wunsch wurde so wichtig für mich, dass ich meinen Mann wirklich permanent fragte und nervte und es kostete uns so einige Streitereien…

herrscht eine intensive Angst vor dem Alleinsein und große Angst davor, dass die Partner tatsächlich verschwinden, wenn sie abwesend sind. So verwechseln Borderline-Betroffene häufig das Alleinsein mit wirklicher Verlassenheit. Sie versuchen daher, wichtige Bezugspersonen möglichst intensiv an sich zu binden.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S. 16)

Letztlich bin ich meinem Mann wahnsinnig dankbar, dass er mich trotz meiner penetranten Fragerei und Drängelei nicht verlassen hat (was durchaus verständlich gewesen wäre!). Dass er weiterhin ausgehalten hat und seine Zielsetzung, mindestens vier Jahre Beziehung zu durchleben, ehe geheiratet wird, durchgezogen hat.

So haben wir uns also auf den Tag genau fünf Jahre nach unserem ersten Treffen getraut.

1 Kommentar zu „Jubiläum

  1. Kenne Kreisman/Strauss auch🙂

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