Schmerz lass nach

Mit elf Jahren erkrankte ich an einer schwerwiegenden Lungenentzündung, gepaart mit einer Rippenfellentzündung. Ich konnte nicht mehr ohne Schmerzen atmen und laufen. Zwei Monate verbrachte ich daraufhin im Krankenhaus, zwei Wochen davon auf der Intensivstation. Es hatte sich ein Tennisball großer Eiterklumpen in meiner Lunge gebildet, der so fest war, dass er nicht mehr abgesaugt werden konnte. Das führte dazu, dass ich operiert werden musste – seitdem begleitet mich eine 20 cm große Narbe direkt unter meiner linken Brust. Von meinem zweiwöchigen Aufenthalt auf der Intensivstation weiß ich nicht mehr viel, da ich die meiste Zeit davon im künstlichen Tiefschlaf war. Logischerweise lag ich also die gesamte Zeit im Bett. Als ich soweit stabil war, dass ich wieder aufwachen konnte, musste ich erneut lernen zu laufen. Ich hatte es einfach verlernt. Doch so leicht lies es sich gar nicht mehr lernen, denn ich hatte unfassbare Schmerzen in meinem linken Bein. Dies führte wiederum zu unzähligen Untersuchungen, die teilweise noch schmerzhafter waren. Es wurde eine Entzündung im Ischiasnerv diagnostiziert.

Nach meinem zweimonatigem Aufenthalt im Krankenhaus wurde ich endlich entlassen. Doch Freude stellte sich nicht ein. Mein Bein schmerzte immer noch höllisch. Laufen konnte ich zu dem Zeitpunkt nur mit Gehhilfen, sobald etwas oder jemand an mein Bein kam, musste ich vor Schmerzen weinen. Es war kaum auszuhalten. Nachts konnte ich vor Schmerzen kaum schlafen. Selbst ohne irgendeine Bewegung, tat es trotzdem die ganze Zeit weh. Ich weinte, jammerte und stöhnte nachts in meinem Zimmer, das direkt über dem Schlafzimmer meiner Mutter und ihres Mannes lag.

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie meine Mutter auf einmal nachts in meinem Zimmer stand und meinte, ich müsse aufhören, so laut zu sein, sonst würde er gleich ausflippen, weil er nicht schlafen könne, wenn ich so laut sei. Ich jammerte, dass ich aber fürchterliche Schmerzen hätte und deshalb ja selbst nicht schlafen könne. Dann müsste ich eben wieder ins Krankenhaus war die Antwort. Und so war es dann auch. Am nächsten Tag sollte ich also wieder ins Krankenhaus, weil ich zu laut mit meinen Schmerzen umging.

Oft hört man dann ein gut gemeintes ‚ist doch nicht so schlimm!‘ Aber: Wäre es für das Kind nicht schlimm, würde es auch nicht weinen.“(https://www.t-online.de/leben/familie/kleinkind/id_51828468/kinderpsychologie-gefuehle-von-kindern-ernst-nehmen.html)

Ich fühlte mich nicht ernst genommen, denn immerhin hatte ich wahnsinnige Schmerzen, ich wusste nicht, wie ich liegen sollte, wie ich die Zeit überstehen sollte. Doch anstatt Mitgefühl zu erhalten, bekam ich die Ermahnung ruhig zu sein, er wolle schließlich schlafen, er müsste morgen wieder arbeiten…

Daran wurde ich gestern wieder eindringlich erinnert: Plötzlich stand mein Großer weinend am späten Abend im Flur. Sein Bein tue ihm so weh, er könne vor Schmerz nicht mehr schlafen. Im Nu sah ich mich als elfjährige vor Schmerz im Bett gekrümmt und fühlte mich so hilflos und enttäuscht von der Reaktion meiner Mutter…

Ich nahm meinen Sohn auf den Arm, trug ihn zum Sofa und gab ihm ein Schmerzmittel. Während es zu wirken begann, blieb ich bei ihm, streichelte ihn und war für ihn da.

Sicherlich liegen oft die Nerven blank, durch Schlafmangel, einem anstrengenden Job, Streit mit dem Partner oder was das Leben sonst noch für uns bereit hält. Dennoch ist es so unglaublich wichtig, unseren Kindern zu zeigen, dass wir ihnen glauben, sie ernst nehmen und für sie da sind. Schließlich wünschen wir uns auch empathisches Verhalten, wenn wir mal Kopfschmerzen haben und dies unserem Partner erzählen…

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