Angst, Gefühle zu zeigen…

Jeder von uns hat diese Tage, an denen einfach alles doof ist. Meist beginnt es schon morgens: Wir haben schlecht geschlafen, dann streikt die Kaffeemaschine und uns fällt der Nase lang etwas herunter und wir sagen uns: „Na klar, heute läuft alles schief…“ Unsere Laune ist im Keller und der Tag hat gerade erst begonnen, wie sollen wir nur jetzt den gesamten Tag überstehen.

Das sind die Tage, an denen ich die Stunden zähle, bis ich mich mit meinen Kindern wieder ins Bett legen kann. Häufig sind es auch Tage, an denen ich mich wirklich zusammen reißen muss, nicht in meinem Gefühlschaos zu versinken. Dabei geht es bei mir nicht hauptsächlich um die Borderline-Typische Wut, sondern viel mehr um Traurigkeit. Das Zusammenreißen bezieht sich bei mir vor allem darauf, nicht vor meinen Kindern zu weinen. Mein Kopf weiß, dass weinen kein Zeichen von Schwäche ist. Und mir ist es wichtig, dass meine Kinder lernen, dass sie Gefühle jeglicher Art haben und zeigen dürfen, ohne negative Konsequenzen erfahren zu müssen. Trotzdem fällt es mir unglaublich schwer, meine traurige Gefühlswelt vor meinen Kindern auszuleben.

In meinem Kopf spielt sich immer wieder diese eine Situation ab, die ich selbst als Kind erlebt habe und die mich maßgeblich geprägt hat, bis heute noch: Ich war 9 Jahre alt, die Ehe meiner Eltern gerade am zerbröckeln, denn mein Vater wusste nun Bescheid, dass meine Mutter ihn betrogen hat und er griff wieder zunehmend zum Alkohol und wurde darunter wieder häufiger gewalttätig. Immer öfter brachte meine Mutter meinen Bruder und mich zu meiner Oma. An einem Tag kam meine Mutter wieder zurück zu meiner Oma, wo ich schon auf sie wartete. Sie weinte bitterlich und erzählte, wie mein Vater wieder ausgerastet sei und sie wieder verprügelt hatte. Das war der Moment, an dem ich die Sorge um meine Mutter entwickelte. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich sie nur noch schützen. Ich wollte nicht, dass sie so leiden musste, dass es ihr so schlecht ging. Welches Kind möchte das schon? Dieser Moment führte dazu, dass ich künftig immer versuchte, meiner Mutter so viel Leid wie nur irgend möglich zu ersparen. Ich versuchte ihr also Dinge abzunehmen, verschwieg Dinge und versuchte als eine gute Tochter zu funktionieren.

Für mich war diese Situation bei meiner Oma fürchterlich, auch jetzt, wenn ich Jahre später daran zurück denke, fühle ich immer noch den Schmerz meiner Mutter und den Schmerz, den ich dadurch fühlte. Daher möchte ich auf keinen Fall, dass meine Kinder so etwas erleben und fühlen müssen. Aus diesem Grund habe ich wohl auch Angst, vor meinen Kindern zu weinen – und doch passiert es mir ab und an mal. Mal aus banalen Gründen, mal aus tiefgreifenderen Gründen. Meine intensiven Gefühle kann ich manchmal nicht unterdrücken und dann sitze ich vor meinen Kindern und weine fürchterlich.

Menschen mit Borderline-Störungen erleben Gefühle heftiger und länger anhaltend als andere. Das bedeutet, dass oft geringfügige Auslöser genügen, um sehr starke Gefühle hervorzurufen.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S 12)

In diesen Momenten sind meine Kinder zuckersüß, streicheln und trösten mich, während ich nur hoffe, dass sie nicht das fühlen müssen, was ich damals in der Situation fühlen musste, hoffe, dass sie damit gut umgehen können, weil sie wissen, dass jeder Mensch mal traurig ist und weinen muss und dass das völlig in Ordnung ist.

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