Von den Widrigkeiten des Loslassens…

Ich starre immer wieder zur Uhr und zu meinem Handy – alle paar Minuten. Unruhe macht sich breit und auch mein Gemütszustand ist längst nicht mehr entspannt und glücklich. Ich vermisse ihn wahnsinnig und meine Gedanken kreisen nur um ihn: Wie geht es ihm? Was macht er gerade? Wann kommt er endlich wieder? Fast fünf Jahre haben wir zusammen nebeneinander geschlafen, fünf Jahre Einschlafbegleitung mit Lesen, Kuscheln und streicheln. Fünf Jahre, in denen er stets neben mir lag, häufig sehr dicht an mir, sodass ich das Gefühl hatte, in einer Sardiniendose zu schlafen. Doch ich genieße das. Fünf Jahre sein Atem hören, in den letzten Monaten mehrfach nachts zu hören: „Mama, kann ich mit unter deine Decke?!“

Doch diese Nacht war es anders. Nach dem meine Mutter meinen großen Sohn das Xte Mal gefragt hat, ob er denn nicht mal bei ihr schlafen möchte, hat er nun das erste Mal mit „Ja“ geantwortet und ist freudestrahlend mit meiner Mutter am Nachmittag losgezogen. Mein Mamaherz blutet. Ich gehe noch davon aus, ihn nachts abholen zu müssen und schlafe daher mehr als schlecht. Ständig schaue ich auf mein Handy, dann zu Uhr und wieder auf mein Handy. Doch nichts. Keine Nachricht. Nicht mal ein Foto mit einer Nachricht, wie es meinem kleinen Großen geht. Irgendwann bricht der Morgen an, mein jüngerer Sohn wird wach, wir stehen auf und spielen. Die ganze Zeit frage ich mich, wann der Große endlich kommt… Die Zeit vergeht weiter, bis ich endlich mal ein Foto geschickt bekomme – er isst gerade Mittag. Ich schreibe, dass ich ihn schrecklich vermisse und meine Mutter antwortet, sie kommen bald. Die Minuten vergehen weiter ohne dass mein Sohn nach Hause kommt. Ich muss noch weitere drei unruhige Stunden überstehen, ehe meine Mutter meinen großen Sohn nach Hause bringt. Meine Mutter erzählt, er wollte noch länger bei ihr bleiben, nächstes Wochenende könne er wieder bei ihr schlafen, da würde es sogar zwei Nächte gehen…

Mir fällt das wahnsinnig schwer. Das Loslassen. Ich tue es, keine Frage. Meine Jungs sind mit einem Jahr in die Krippe gegangen und schon davor haben mal stundenweise die Patentante oder eine gute Freundin aufgepasst. Aber abschalten kann ich nicht. Meine Gedanken kreisen ständig um das Wertvollste, was ich je besessen habe. Zwar weiß ich, dass die Kinder in guten Händen sind, doch meine Gedanken und Ängste kann ich nicht abstellen. Ein Borderline-Problem? „Gerade Betroffene, die selbst als Kinder sehr unsichere und unklare Beziehungen erlebt haben, neigen dazu, sehr intensive und auch angstbesetzte Beziehungen zu ihren Kindern zu entwickeln – aber dies tun andere Mütter auch.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S 103) Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Das Loslassen fällt sicherlich vielen Müttern schwer, vielleicht fällt es Müttern mit Borderline noch etwas schwerer. Wichtig ist nur, dass wir trotzdem unseren Kindern die Freiheiten einräumen. Ich war alles andere als begeistert, als mein Sohn „Ja“ sagte und bei meiner Mutter übernachtete. Doch ich habe meine Zweifel weggeschoben, um meinem Sohn die Erfahrung machen zu lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close