Wenn die Geburt zum Trauma wird…

In Deutschland werden rund 98 % der Kinder in Krankenhäusern geboren – ist eine Frau schwanger, wird sie direkt gefragt, in welches Krankenhaus sie denn gehen möchte. Auch für mich war bei meinem ersten Sohn klar, dass ich ins Krankenhaus gehe, wenn es soweit ist. Eine Erfahrung, die mich bis heute belastet und die dazu geführt hat, dass meine beiden anderen Kinder zu Hause zur Welt gekommen sind. Dass meine erste Geburt im Krankenhaus für mich traumatisch war, habe ich erst in meiner zweiten Schwangerschaft realisieren können. Für mich war klar, dass ich mein Kind nicht noch einmal im Krankenhaus entbinden werde, eine Hausgeburt sollte es sein.

Nach anfänglichem Zögern meines Mannes, haben wir dann doch einen gemeinsamen Weg gefunden und mit einer lieben Hebamme in unserer heimischen Badewanne unseren zweiten Sohn in Empfang nehmen dürfen. Diese Geburt war sehr heilsam für mich. Als ich nun zum dritten Mal schwanger wurde, war für mich natürlich klar, dass ich wieder zu Hause bleiben werde. Dies gestaltete sich etwas schwierig, da die Hausgeburtshebammen hier in der Umgebung mehr als begrenzt sind. Doch es fügte sich letztlich alles zum Guten, sodass wir vor wenigen Tagen unsere kleine Tochter, wieder im heimischen Badezimmer, begrüßen durften. Auch diese Geburt war wieder eine sehr heilsame Erfahrung für mich und hat mir geholfen, das, was durch die Geburt im Krankenhaus kaputt gegangen ist, etwas zu reparieren. Ebenso hilfreich war es, dass ich während meiner letzten Schwangerschaft meinen gesamten Krankenhausbericht über die Geburt beantragt habe und mit meiner Hebamme besprochen habe.

Das Thema Gewalt unter der Geburt* wird leider immer noch tabuisiert – vor allem im nahem Umfeld: Man solle sich nicht so anstellen. So sei eine Geburt nun mal. Wir sollen doch froh sein, dass es uns gut geht. Doch uns Frauen geht es nicht gut nach solch einer Geburt. Wir leiden. Auch noch Jahre später. Aber das möchte kaum jemand hören.

Langsam, aber sicher wird das Thema Gewalt unter der Geburt öffentlich, es gibt mittlerweile verschiedene Organisationen, die sich für die Rechte von gebärenden Frauen einsetzen und auch in der Presse wird mehr und mehr von den miserablen Zuständen in den Kreißsälen und deren Folgen berichtet (wer einen interessanten Beitrag hierzu sehen möchte: https://www1.wdr.de/fernsehen/die-story/sendungen/wenn-die-geburt-zum-albtraum-wird-100.html).

Auch die WHO erklärt in ihrem Manuskript „Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen“: Viele Frauen erleben in geburtshilflichen Einrichtungen auf der ganzen Welt einen geringschätzigen und missbräuchlichen Umgang. Dieser Umgang verstößt nicht nur gegen das Recht der Frauen auf eine respektvolle Versorgung, sondern kann darüber hinaus deren Recht auf Leben, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und das Recht auf ein Leben ohne Diskriminierung verletzen. Diese Erklärung ruft zu einem vermehrten Engagement, mehr Dialog, Forschung und Fürsprache im Hinblick auf dieses gravierende Problem der öffentlichen Gesundheit und der Menschenrechte auf.(https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/134588/WHO_RHR_14.23_ger.pdf;jsessionid=42DF88DF5C3BC33FD44252FF254702FF?sequence=22).

Mit diesem Beitrag möchte auch ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht egal ist, wie Kinder geboren werden, wie wir Mütter unsere Kinder auf die Welt bringen. Die Geburt ist ein intensives Erlebnis, das sich auf das Wochenbett ebenso auswirkt, wie auf die Stillzeit. Traumatische Erfahrungen sollten immer gehört, nicht bagatellisiert werden. Darum ist mein Appell: Hört hin, wenn es einer Frau nach der Geburt nicht gut geht. Vielleicht hat genau sie eine traumatische Geburt erlebt.

* Zu Gewalt in der Geburtshilfe zählt unter anderem:

Physische Gewalt:

  • Festhalten,
  • keine freie Wahl der Geburtsposition,
  • medizinisch nicht indizierte Untersuchungen (z.B. wiederholt nach dem Muttermund tasten, wenn dies nicht gewollt/notwendig ist),
  • ohne Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit sonstige medizinische Interventionen (Medikamentengabe, Kristellern, Katheter legen) durchzuführen,
  • Zwang unter Wehen still zu liegen (bspw. durch Anschluss an Dauer-CTG).

Psychische Gewalt

  • Anschreien,
  • Ausübung von verbaler Gewalt. Z.B. zu sagen: „Wenn sie jetzt nicht mitarbeiten, dann stirbt Ihr Baby!“ oder „Seien sie gefälligst still!“ oder „Guck dich mal an Mädchen, du bist fertig – du musst eine PDA nehmen.“,
  • Gebärende unter Geburt allein lassen (außer, wenn sie dies ausdrücklich will),
  • keine (echte) Wahlfreiheit bei medizinischen Interventionen lassen,
  • Machtmissbrauch,
  • Verbot zu essen/trinken, sich zu bewegen.

(vgl. http://www.gerechte-geburt.de/wissen/gewalt-in-der-geburtshilfe/)

 

1 Kommentar zu „Wenn die Geburt zum Trauma wird…

  1. Meine liebe Anika.
    Kennen uns seit der vierten Klasse und haben einges durch!!! Tut jetzt auch nicht zur Sache, bewundere deinen Block und deine ehrlich Art. Danke für deine Worte🙏🏻 Hab mich sehr ähnlich Gefühlt und auch sofort verstanden bezüglich Hausgeburt. Wünschen euch alles Gute und Liebe zum Nachwuchs❤️ Liebe Grüße Inga

    Liken

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