Affektive Stimmungswechsel – Oder über die Wut und Gereiztheit einer Borderline-Schwangeren

Ist es schon da?“

Wie lange willst du es denn noch drinnen behalten?“

Hoffentlich wird es diesmal wenigstens ein Mädchen!“

Solche Sprüche, und noch viel mehr davon, habe ich vor allem in den letzten Tagen, aber gerade auch bezüglich des Geschlechts, schon viel früher erhalten. Sie sind nett gemeint, bekunden das Interesse meiner Mitmenschen an meiner Schwangerschaft, die gemeinsame Vorfreude, das nicht Erwarten können, wann es nun endlich losgeht, endlich zu wissen, welches Geschlecht das Baby haben wird, ihm einen Namen geben zu können… Doch in mir lösen sie nur noch Wut und Gereiztheit aus. Ich kann es einfach nicht mehr hören und rege mich ständig darüber auf. Wahrscheinlich merken auch viele meiner Mitmenschen mittlerweile, dass ich es nicht mehr hören kann, denn meine Antworten werden kühler, knapper und manchmal gar etwas bissig. Wenn ich mich mit meinem Mann darüber unterhalte, ihm einfach nur mitteilen möchte, wie sehr mich das nervt, kann er es gar nicht wirklich nachvollziehen. Er findet es nicht schlimm, ist von der ständigen Fragerei bei sich auf Arbeit durch die Kollegen nicht genervt und meint eben, es sei einfach ehrliches Interesse der Anderen. Doch wie steuere ich meinen intensiven Gefühlen entgegen? Ich fühle mich gefangen in meiner negativen Gefühlswelt, die so stark ist, dass ich kaum etwas anderes wahrnehmen kann.

Affektive Instabilität (oder Stimmungswechsel) ist eines der ausgeprägtesten Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Emotionen wie Niedergeschlagenheit, Selbstvorwürfe, Hochstimmung, Ärger oder Angst können sich in Reaktion auf äußere Reize abrupt abwechseln.“ (Kreisman/Straus 2008, S 224)

Ich versuche mir immer wieder bewusst zu machen, dass es nur nett gemeint ist, ständig nachzufragen, gepaart mit eigener Ungeduld, und doch kommen diese negativen Gefühle bei mir sofort zum Ausbruch und ich bin unfähig, daran etwas zu ändern. In Gesprächen mit meinem Mann reflektiere ich es immer wieder, doch sobald die nächste Frage oder der nächste Scherz kommt, bin ich wieder gefangen in meiner Gefühlswelt. Ist das einfach nur Borderline? Emotional-Instabile Persönlichkeitsstörung? Oder sind es doch nur die Hormone, die jede Schwangere hat? Die Frage, ob sich meine Krankheit in diesem oder jenem Thema/Lebensbereich über mich ausbreitet und mir das Leben, die Entscheidung erschwert, oder ob es nicht einfach nur eine normale Situation ist, mit der auch Menschen zu kämpfen haben, über denen nicht das Damokles-Schwert der Borderline-Störung schwebt, überkommt mich häufig. Antworten darauf finde ich nicht. Nur in Gesprächen mit meinem Mann, meinen Freundinnen kann ich höchstens erahnen, ob es ihnen ähnlich ergehen würde, oder ob sie mich freundlich darauf hinweisen, dass meine Reaktion, meine Gefühle diesbezüglich übertrieben sind.

Für mich heißt es momentan nun einfach abwarten. Das Babylein wird sich auf den Weg machen, wenn es soweit ist und vielleicht behalte ich es dann einfach noch eine Weile für mich, ehe ich der Welt verkünde, dass es nun endlich den Weg heraus gefunden hat…

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