Der Glückskessel

Schon häufig habe ich in den verschiedenen Kitas, die meine Söhne bisher durchlaufen haben, flapsige Sprüche erhalten, weil ich sie scheinbar verziehe. Auch heute kam wieder eine solche Situation auf. Ich komme, um meine Jungs abzuholen, mein Großer weiß, dass ich erst den Kleinen abhole, in der Zeit soll er noch sein Gespieltes aufräumen. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich dann auch den Kleinen soweit, dass er startklar ist, um mit nach Hause zu fahren. Nun gehen wir zum Großen. Dieser turnt im Gruppenraum herum. Eine Erzieherin kommt zu mir und sagt, sie sage ihm immer wieder, er könne sich ja schon anziehen, damit er fertig sei, wenn Mama kommt, woraufhin er ihr immer antworten würde „Nö, ich warte auf Mama!“. Das sei ja auch logisch, schließlich würde ich ja auch immer alles machen. Und tatsächlich, wenn mich mein Großer am Nachmittag, nach einem langen, anstrengenden 6-Stunden Tag in der Kita fragt, ob ich ihn anziehe, dann mache ich das. Das hat nichts mit Verwöhnen oder Verziehen zu tun; nein, ich nehme nur lediglich das Bedürfnis meines Kindes wahr, in dieser Situation mal wieder umsorgt zu werden. Denn in den letzten 6 Stunden war mein Kind mit 23 anderen Kindern in einem Gruppenraum, in dem nur drei Erwachsene sind. Dementsprechend müssen die Kinder dort natürlich so viel es eben geht alleine machen. An- und Ausziehen beim Rausgehen oder dem Toilettengang, Tisch decken und abräumen… Wenn nun Mama endlich kommt, weiß mein Sohn, sein sicherer Hafen ist wieder da. Er kann sich fallen lassen, weiß sehr wohl, dass ich ihm helfe, wenn er darum bittet. Danielle Graf und Katja Seide nennen das in ihrem Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ den „Glückskessel“.

Es reicht, wenn wir uns immer wieder fünf Minuten mit unserem Kind hinsetzen, mit ihm kuscheln, ihm ein Buch vorlesen oder ihm beim Anziehen helfen, obwohl es das schon allein kann.“ (Graf/Seidler 2016, S 128).

Dadurch kann das Kind seinen Glückskessel oder auch Liebestank wieder auffüllen, denn dieser ist nach so einem langen, anstrengenden Kitatag ziemlich leer. Manch einer wird sich nun vielleicht denken, was daran anstrengend sein soll. Die Kinder könnten ja schließlich den ganzen Tag spielen, müssten nicht arbeiten, so wie wir Erwachsenen. Doch aus Erfahrung weiß ich: Es ist sehr anstrengend. Es ist laut, das Kind muss sich auf viele verschiedene Personen einstellen und agieren können, muss im Gruppengeschehen funktionieren. So etwas schlaucht.

Meine Kinder können sich also darauf verlassen, dass ich nach dem langen und anstrengenden Kitatag für sie da bin, sie umsorge, ihnen bei Dingen helfe, die sie schon längst alleine können, damit sie ihren „Glückskessel“ oder auch „Liebestank“ wieder auffüllen können.

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