Schubladendenken

Vor ein paar Tagen habe ich mir mal wieder meine alten Tagebücher zur Hand genommen und darin vereinzelt gelesen. Dabei ist mir ein Arztbrief in die Hände gefallen, den ich aus der Notfallaufnahme mit nach Hause bekommen habe, nachdem ich auf meiner Arbeit einen Unfall hatte. Zu diesem Zeitpunkt war ich in einer therapeutischen Intensivwohngruppe tätig, in der maximal vier männliche Jugendliche wohnten. Sie waren bei uns, weil es zu Hause nicht mehr ging, sie in vielen anderen Wohngruppen nicht tragbar waren und intensive Betreuung brauchten. An dem Tag war ein Jugendlicher besonders wütend auf mich – ich weiß nicht mal mehr warum, jedoch stürzte er sich im Treppenhaus auf mich und schubste mich die Treppen hinab. Dabei fiel ich mit dem Kopf gegen die Wand und landete einige Stufen weiter unten letztlich auf dem Boden. Unser Kollegium hatte gerade Teambesprechung, sodass alle Mitarbeiter vor Ort waren. Nach dem ersten Schock wurde mir direkt übel und schwindelig, sodass ich vor der Toilette mit einer Kollegin saß, während die anderen wohl den Rettungsdienst riefen. Dieser kam dann zeitnah und lud mich ein. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch einige Medikamente aufgrund meiner Depressionen und Schlafstörungen nahm, sagte ich den Sanitätern gleich, dass ich Borderline habe und diese Medikamente nähme. In der Notaufnahme angekommen wurde direkt alles bagatellisiert. Ach, die Borderlinerin, die hyperventiliert ja nur, geben wir ihr mal eine Tavor, dann ist wieder alles gut.

Pat. hat hyperventiliert, nachdem sie als Betreuerin einer Wohngruppe von einem Mann angerempelt wurde. Bei Pat. ist Borderline-Syndrom benannt. Bei der Aufnahme wirkt die Pat. depressiv und ängstlich/unruhig. Wir haben Tavor 1 mg verabreicht. Kreislauf war stabil. Labortechnisch unauffällig.“ heißt es in der Mitteilung für den weiterbehandelnden Arzt.

Ich dürfe jetzt nicht mehr Auto fahren und müsse mich abholen lassen. Also rief ich meinen Mann an, damit er mich abholen konnte; da er allerdings über eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln brauchte, rief ich auch meine Kollegen wieder an und sagte, dass meine Behandlung abgeschlossen sei. Eine meiner Kollegin war Psychotherapeutin, der ich nun von der Behandlungsart erzählte. Sie konnte es kaum fassen und war außer sich. Sie sagte sofort, wir gehen zusammen wieder ins Krankenhaus und stellen klar, dass ich nicht nur hyperventiliert hätte, sondern es tatsächlich zu einem körperlichen Angriff kam. Ich war ihr unheimlich dankbar, dass sie dort die Situation richtig gestellt hat. Nun wurde ich noch einmal richtig untersucht und bekam auf einmal eine Krankschreibung wegen Verdachts auf Gehirnerschütterung.

Bisher wusste auf der Arbeit niemand von meiner Erkrankung. Nun war es bekannt. Und auch das zog wieder Nachteile nach sich. Auf der selbigen Arbeit wurde ich – nach der Kündigung unseres Gruppenleiters – als Gruppenleiterin eingesetzt. Zunächst kommissarisch. Da sich jedoch keine neue Gruppenleitung finden ließ, erledigte ich die Aufgaben der Gruppenleitung über Monate, bis ich ein Gespräch mit der Geschäftsleitung einforderte um explizit nachzufragen, ob ich nun offiziell als Gruppenleitung eingestellt werden würde. Nein, war die Antwort. Aufgrund meiner Borderline-Erkrankung könne er sich das absolut nicht vorstellen; manchmal müsse man dann auch getrennte Wege gehen.

Vorurteile herrschen an jeder Ecke. Nicht nur, dass ich immer dazu neige, mehr als 100 % in allen Dingen zu geben, nein, gerade wenn ich weiß, dass meine Krankheit bekannt ist, fühle ich mich gezwungen, noch mehr zu geben, denn jeder Fehler, jede Schwäche wird direkt auf meine Krankheit geschoben. Ach ja, die hat ja Borderline, da ist das nun mal so. Sie kann eh nicht richtig arbeiten. Dass jedoch auch Menschen ohne psychische Erkrankung nicht permanent 150 % geben können, dass auch diese Menschen Pausen brauchen und mal einen schlechten Tag haben, dass wird dabei nicht berücksichtigt. Wir aber, mit unseren psychischen Erkrankungen, die uns das Leben sowieso schon erschweren, wir werden auf unsere Krankheit degradiert. Wir sind die Krankheit und das ist im Alltag immer wieder wie ein Hieb in die Magenkuhle.

3 Kommentare zu „Schubladendenken

  1. Das ist ja auch nen Witz….machst die Gruppenleitung und wirst dann fest für die Stelle besetzt. Borderline ist halt so ne Sache….sagt man wahrscheinlich lieber niemandem.

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    1. Hallo Schlendrian,

      ja das mit der Gruppenleitung war wirklich eine ärgerliche Sache und in diesem Moment habe ich genau so wie du gedacht. Am besten man sagt niemanden etwas davon, man hat ja nur Nachteile. Aber heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich ein guter Weg ist. Und genau das motiviert mich diesen Blog zu schreiben, ich möchte gerne zeigen, wie es Borderlinern geht und was sie wirklich können.

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße, Anika

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      1. Ja, ich rede auch in meinem Blog über meine psychischen Erkrankungen, im Alltag mache ich das möglichst nicht, auch wenn man’s mir halt auch tieilweise anmerkt.

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