„Mama, was hast du da?“

Mein großer Sohn hat recht früh angefangen zu sprechen. Seitdem spricht er sehr viel und gerne und fragt natürlich ganz viel nach. Es war noch vor seinem 3. Geburtstag, als er einmal auf meinen Arm schaute, darüber strich und fragte: „Mama, was hast du da?“ Und nun? Einem nicht mal 3-jährigen zu erklären, dass ich mich dort absichtlich selbst verletzt habe, weil es mir nicht gut ging, schien mir nicht akzeptabel. Ihn jedoch anzulügen war für mich auch nicht in Ordnung. Ich möchte, dass er ehrlich zu mir ist, also bin ich auch ehrlich zu ihm. So gut es geht. Also habe ich kurz überlegt und dann zur Antwort ausgeholt. Ich habe mich da mit Messern geschnitten, weil ich nicht richtig aufgepasst habe. Messer sind sehr scharf und man muss immer sehr gut aufpassen, sonst verletzt man sich. Etwas unehrlich, aber doch auch etwas ehrlich. Denke ich zumindest.

In der Vergangenheit habe ich mir zu diesem Thema schon diverse Lügen ausgedacht, denn meine Arbeit mit Kindern führt zwangsläufig dazu, dass ich immer wieder gefragt werde, warum ich auf meinem Arm so viele Narben habe. Da war mal die böse Katze schuld, die mich nicht mochte und mich immer wieder gekratzt hat oder der Dornenbusch, in den ich mal gefallen bin.

Der Umgang mit meinen Narben auf meinem Arm ist alltäglich. Mit Kindern ist es die eine Sache. Beruflich, wie zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch oder bei der Einarbeitung eine ganz andere Sache. Anfangs habe ich immer versucht, die Narben zu verstecken, durch Stulpen, lange Pullover usw. Doch das klappte meist nie so wirklich. Entweder war ich zu aufgeregt und mir wurde so heiß, dass ich meine Ärmel hochschob, oder ch musste beim Hospitieren abwaschen. Oder, oder, oder … Also bleibt nur noch, dazu zu stehen. Mittlerweile antworte ich Erwachsenen gegenüber, die mich direkt dazu befragen, dass ich mal als Jugendliche eine schwierige Zeit gehabt hätte. Meist geben sich die Menschen damit auch schon zufrieden.

Irgendwann werden sich meine Kinder bestimmt denken können, dass ich mich nicht aus Versehen geschnitten habe, weil ich nicht aufgepasst habe. Irgendwann werden sie sicherlich wieder fragen und wollen die ganze Wahrheit wissen. Dann werde ich es ihnen genauer erklären. Wie genau weiß ich noch nicht. Aber ich denke schon jetzt ab und an darüber nach und ich bin voller Hoffnung, dass ich bis zu dem Tag, an dem sie wieder fragen werden, eine gute ehrliche Erklärung parat haben werde. Damit können sie dann hoffentlich verstehen, warum mein Arm mit Narben übersät ist. Dass ich das leider manchmal einfach nicht kontrollieren kann, wenn mich negative Gefühle überrennen, denn in solchen Momenten scheint mir die Selbstverletzung die einzige Möglichkeit zu sein, mich diesem Gefühlschaos zu entziehen.

Wenn die Gefühle sehr stark werden, ist es oft schwierig, diese genau zu benennen. Die Betroffenen erleben die Gefühle dann als schier unerträgliche Anspannung: So stark, dass alles versucht wird, diese Anspannung möglichst rasch zu beenden. (…) Diese Spannungszustände werden oft als schier unerträglich wahrgenommen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Betroffene auf Möglichkeiten zurückgreifen, diese Anspannung kurzfristig zu mildern: Selbstverletzungen, Drogen- oder Alkoholkonsum, extreme körperliche Belastung, Ess- und Brechanfälle, aggressive Impulse und vieles anderes mehr.“ (Bohus/Reicherzer 2012, S. 13 f)

Mit vollem Stolz kann ich jedoch sagen, dass meine Kinder allein durch ihre Existenz mir bei der Bewältigung meiner Gefühlswelt unglaublich viel helfen, denn seitdem sie mein Leben bereichern, ist meine Selbstverletzung deutlich zurück gegangen… Ein Lächeln von so einem kleinen Menschen gibt so unglaublich große Kraft … So holen sie mich mit ihrer Unschuldsmiene wieder zurück, helfen mir, mich unter Kontrolle zu bringen, und verhindern so, dass ich mich selbst verletze, denn selbstverständlich möchte ich sie nicht auch verletzen. Und was verletzt Kinder mehr, als wenn ihre Eltern sich (selbst) verletzen?

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