… Der Aufstieg – Das Problem mit der Komorbidität

Fortsetzung von „Der Absturz“

Mein Mann und meine Freundin begleiteten mich. Sie brachten mich auf Station, blieben bei mir während des Aufnahmegesprächs, als mir mein Zimmer gezeigt wurde, ich die Sachen einräumte und mir die Station ansah. Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem auch sie wieder gehen mussten und ich allein dort bleiben sollte. Eine extreme Herausforderung für mich, wo ich doch wahnsinnige Angst hatte, meinen Mann zu verlieren (zu dem Zeitpunkt waren wir nämlich noch nicht verheiratet) und am liebsten wäre ich einfach wieder mit nach Hause gefahren. Doch ich blieb. Ganze sechs Wochen zur Krisenintervention. Sechs Wochen Therapien, Gespräche, Konflikte, Herausforderungen und neue Menschen. Auf dem Entlassungsbrief steht nun die bittere Wahrheit:

Gesicherte Diagnosen:

  • Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung: Borderlinetyp
  • schwere depressive Verstimmung
  • Posttraumatische Belastungsstörung

Patientin wurde hier stabilisiert, geplant ist nach zweimonatiger Pause eine 12-Wöchige DBT.“

Nachdem klar wurde, dass ich nicht – wie all die Jahre angenommen – „nur“ eine Essstörung habe, sondern mein Problem viel tiefer und weitreichender ist, war für mich klar, dass ich daran arbeiten will und muss, um mein Leben wieder besser in den Griff zu bekommen. In der Zeit der Krisenintervention hatte ich das Glück, ein Zimmer auf der Station zu bekommen, wo die Patienten waren, die die DBT gerade machten. So hatte ich von Anfang an direkten Kontakt zu anderen Borderline-Patientinnen, die gerade diese Therapieform machten und konnte mit ihnen darüber sprechen, wie diese ist, was sie bisher für Nutzen daraus zogen, wie anstrengend es ist etc. Auch mein Mann riet mir, diese Therapie zu machen, obwohl es ja bedeutete, dass ich wieder für einen längeren Zeitraum weg sein würde. Dass mein letzter Gemütszustand eine absolute Zumutung für meinen Mann war, konnte er nicht verheimlichen und so sagte er auch deutlich zu mir: „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. Ich bin mir nicht sicher, ob wir so eine Zukunft zusammen haben.“ Auch er war am Ende seiner Kräfte.

Viele Patienten mit Borderline-Störungen entwickeln entweder zeitgleich oder im Laufe des Lebens andere psychische Störungen, die zum Teil den Verlauf der Borderline-Störung beeinflussen…“ (Bohus/Reicherzer 2012: S. 23).

Schlafstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung, Soziale Phobie, Depressive Störungen, Störungen der Aufmerksamkeit und Hyperaktivität, Ess- und Brechanfälle, das alles sind häufige Begleiterkrankungen bei Borderlinepatienten, sogenannte kormorbide Störungen. In meiner gesamten Teenager- und jungen Erwachsenenzeit sind Therapeuten und demzufolge ich davon ausgegangen, dass ich eine Essstörung habe. Ich aß häufig über einen längeren Zeitraum nichts, bis ich einen großen Fressanfall bekam, alles in mich hineinschaufelte, um es im Anschluss wieder zu erbrechen. Die Therapien haben bis dato jedoch nichts gebracht. Zum einen aufgrund der Therapeuten: Ich erinnere mich noch gut an einen, quasi durch meine Mutter gezwungenen, stationären Aufenthalt. Ein Therapeut in dieser Zeit sagte wortwörtlich zu mir: „Je schneller du wieder anfängst zu essen, desto schneller kannst du auch wieder nach Hause.“ Da war ich 12 Jahre. Ich begann also zu essen. Und im Anschluss erbrach ich. Ich kam nach Hause und konnte weiter machen, wie zuvor auch.

So habe ich weiter gelebt. Die Schulzeit über. Die Studienzeit über. Meine erste Arbeitsphase über. Dann begann mein Masterstudiengang, meine Oma starb und ich brach das erste Mal durch meine depressive Phase richtig zusammen. Kann ein solcher Absturz ein Segen sein? Heute kann ich für mich sagen: Ja! Denn seither weiß ich, was mir fehlt. All die Jahre, in denen ich mich anders gefühlt habe, nicht dazu gehörig, fremd, in denen ich mich absolut gehasst habe, mich gequält und verletzt habe, ich wusste nicht, was nicht mit mir stimmt. Ich konnte mein Verhalten nicht ändern, ich konnte es mir nicht erklären. Nun hatte ich eine Diagnose. Oder besser gesagt gleich drei. Ich konnte mich nun mit einem Krankheitsbild auseinandersetzen und hatte mehrere Aha-Erlebnisse. Ich konnte ehrlicher zu mir selbst, aber auch zu meinem Mann. Durch die Diagnose fühlte ich mich nicht mehr alleine. Ich konnte mich mit anderen Betroffenen austauschen. Und meine Freundin behielt zudem recht. Auch ich habe eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

1 Kommentar zu „… Der Aufstieg – Das Problem mit der Komorbidität

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close