Der Absturz

Es war frühmorgens und das Telefon klingelte. Meine Mutter war am anderen Ende der Leitung. Ich wusste, es bedeutet nichts Gutes. Am Tag vorher sind wir gemeinsam zu meiner Oma ins Altenheim gefahren, denn die dortigen Schwestern empfahlen, uns von meiner Oma zu verabschieden, ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich dramatisch verschlechtert. So fuhren wir also am 23. Januar zu meiner Oma ins Altenheim und waren wirklich schockiert über ihren Zustand. Durch die große Entfernung konnten wir sie nur selten besuchen und waren umso erschrockener, wie schlecht es um sie stand. Durch ihre Patientenverfügung wurde zudem nichts lebenserhaltendes veranlasst. Es wurde hingenommen, dass sie nicht aß, nicht trank, nichts mehr machen konnte. Sie lag nur noch im Bett, sprach nicht, war apathisch und vegetierte quasi nur noch vor sich hin. Das war doch nicht meine geliebte, taffe und starke Oma, bei der ich gewissermaßen aufgewachsen bin. Doch sie war es. Wir blieben den ganzen Tag bei ihr, ich versuchte ihr Flüssigkeit und Nahrung einzuflößen; durch meine vorherigen Tätigkeiten im Altenheim und in der Behindertenhilfe hatte ich da ein paar Tricks auf Lager. Doch es sollte nicht mehr helfen, es war zu spät.

So klingelte also am 24. Januar frühmorgens das Telefon. Ich sprang aus dem Bett und hörte meine Mutter am anderen Ende der Leitung weinen. Ich begann sofort mit zu weinen und schrie nur die ganze Zeit „Nein! Nein! Nein!“ Meine Mutter antwortete darauf nur „Doch, Anika, Oma ist gestorben…“ Und wir weinten beide weiter. Mein Mann kam zu mir, nahm mich in den Arm und tröstete mich. Er wusste, wie schlimm diese Situation für mich war. Er hatte schließlich einen Tag zuvor meinen Gemütszustand mitbekommen, als ich von dem Besuch zurück kam und mir klar war, dass die Zeit meiner Oma gekommen war. Und er wusste, wie viel mir meine Oma bedeutete. Meine Mutter und ich telefonierten nicht weiter. Wir konnten sowieso nicht miteinander sprechen. Wir konnten nur weinen. Und das tat jede für sich. Mein Mann war zum Glück bei mir. Er brachte mich zurück ins Schlafzimmer, nahm mich fest in die Arme, war für mich da, gab mir Halt und ließ mich nicht allein. Tränenüberströmt schlief ich nochmals erschöpft ein.

Zu diesem Zeitpunkt studierte ich den Masterstudiengang „Sozialpädagogik in Aus-, Fort- und Weiterbildung“. Ich freute mich wahnsinnig auf den Studienbeginn, wurde aber schon kurze Zeit darauf enttäuscht, weil ich mir den Studiengang komplett anders vorgestellt hatte und nun hauptsächlich mit angehenden Lehrern gemeinsam in Vorlesungen saß und kaum etwas von Sozialpädagogik lernte. Ich tat mich immer schwerer, meine Seminaraufgaben zu erfüllen und versank förmlich in Lethargie. Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht. Ich weiß nicht, wie das geht. Das waren meine Hauptglaubenssätze zu diesem Zeitpunkt; sehr zum Leidwesen meines Mannes, der gerade sein 1. Staatsexamen schreiben musste und durch meine depressive Verstimmung nicht gut voran kam.

Nun war also auch noch meine über alles geliebte Oma gestorben. Augenblicklich brach alles in mir zusammen. Meine Gedanken wurden düsterer. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Ich wollte nicht mehr aufstehen. Ich musste also etwas tun. Daraufhin holte ich mir mal wieder psychotherapeutische Hilfe. Ich brach das Studium ab. Das fiel mir am schwersten. Aufgeben. Durch meine negativen Glaubenssätze, ich kann nichts, ich weiß nichts, ich schaffe nichts, die ich erfolgreich von früheren Lehrern, dem neuen Mann meiner Mutter und anderen Menschen angenommen habe, war die schulische Leistung für mich bisher immer der wichtigste Bestätigungsbereich für mich. Doch es ging einfach nichts mehr. Auch meine neue Therapeutin merkte dies schnell und wies mich in die Klinik ein. Ein weiterer Schock für mich. Auch das wollte ich nicht. Ich wollte nicht weg von meinem Mann sein, weg von meiner Hündin. Weg von allem. Ich mit meinen Verlassenheitsängsten. In einer fremden Umgebung. Mit fremden Menschen. Doch mein Mann und meine Freundin redeten mir zu, machten mir Mut, ich solle es wenigstens versuchen, ich könne ja auch wieder gehen. So ging ich als Erwachsene das erste Mal in eine Psychiatrie. Das war vor neun Jahren…

Fortsetzung folgt

2 Kommentare zu „Der Absturz

  1. Liebe Anika,
    ich möchte Dir zu Deinem Blog gratulieren. Ich bewundere Deinen Mut und die einfühlsame, genaue Beschreibung der Dinge. Ich kann mir vorstellen, dass dies auch einen therapeutischen Effekt hat. Meine Borderline-Mutter, die anders als Du die Mutterrolle nicht wahrnehmen konnte, hat meine Entwicklung in manchen Bereichen verhindert. Es ist wichtig, dass über die Erkrankung gesprochen wird.
    Herzliche Grüße,
    Sabeth

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    1. Hallo Sabeth,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass deine Mutter die Mutterrolle nicht wahrnehmen konnte und du dich somit in manch einem Bereich nicht entfalten konntest. Ja, es ist wichtig, dass über die Krankheit gesprochen wird, über die Schwierigkeiten als Angehöriger ebenso, wie über die vielen Vorurteile, denen Menschen mit Borderline ausgesetzt sind. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg ganz viel Kraft und Erfolg 🙂

      Liebe Grüße, Anika

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