Sicherheitszone lahm gelegt

Gestern war wieder eine typische Situation. So eine, wie sie oft vorkommt, weil ich sie nicht vermeiden kann. Gestern war es nur ein Puppenspiel. Doch die Situationen kommen auch auf Weihnachtsmärkten, Stadtfesten, Kirmesfesten, Laternenumzügen und vielen anderen Gelegenheiten vor. Gemeint sind große Ansammlungen von Menschen. Gedränge, Geschiebe. Hier ein Fuß, dort ein Ellenbogen. Und das schlimmste überhaupt: Jemand fasst mich von hinten an, um damit zu sagen und zu signalisieren, dass er vorbei möchte. Dann verkrampft sich absolut alles in mir und meine Anspannung steigt ins oberste Level. Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Und so war es gestern auch. Mit unseren Jungs wollten wir einen schönen Familiennachmittag machen und um mal aus dem Alltag auszubrechen, dachten wir, dass das Puppenspiel „Der kleine Drache Kokosnuss“, welches in unserer Stadt gestern aufgeführt wurde, ideal sei. Da zur Zeit ja auch im Kino „Der kleine Drache Kokosnuss“ läuft, dachte ich auch absolut nicht daran, dass es so voll werden würde… Aber es war brechend voll. Die Brandschutzbestimmungen wurden dort mit ziemlicher Sicherheit nicht eingehalten. Es war also völlig überfüllt, stickig, heiß und eng. Alle Kinder durften deshalb vor der Puppenbühne auf dem Boden Platz nehmen – mein Mann kümmerte sich darum, dass unsere Jungs dort zusammen einen Platz bekamen und ich hätte eigentlich nach zwei Plätzen suchen sollen, damit mein Mann und ich auch noch Sitzplätze bekommen. Als mein Mann dann von unseren Kindern zurück kam, fragte er auch gleich, ob ich uns schon Plätze organisiert hätte. Meine Antwort war natürlich kurz und knapp: Nein. Mehr konnte ich auch nicht antworten. Ich fühlte mich wie gelähmt, konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts und wäre am liebsten aus diesem überfüllten Saal gestürmt. Mein Mann lies mich dann dort weiter stehen, während er schnell noch Sitzplätze für uns ergatterte, mich im Anschluss daran abholte und zu den besagten Plätzen brachte. Für den Moment ging es dann auch wieder. Jeder hat seinen eigenen Platz. Es war zwar weiterhin stickig, heiß, voll und laut, aber zumindest konnte ich auf diesem Stuhl meine eigene Sicherheitszone wahren. Schlimm wurde es wieder in der Pause, als alle aufstanden und Unruhe aufkam, weil wieder Popcorn gekauft werden wollte, zur Toilette gegangen werden musste oder sonst was. Auch wir standen natürlich auf, um nach unseren Jungs zu sehen. Und dabei geschah es wieder: Das unvermittelte Anfassen einer fremden Person von hinten, nur weil diese an mir vorbei wollte. Spannung pur. Kurze Zeit später bin ich bei meinen Kindern und etwas Erleichterung kommt auf. Sie helfen mir so viel, sie geben mir so viel. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Wo ich früher häufig schon einige Skills gebraucht hätte, reicht heute oft ein kleines Gespräch mit meinen Kindern aus, eine Umarmung, sie lächeln zu sehen; oder so wie gestern, zu sehen und zu hören, wie glücklich sie sind, dass wir mit ihnen dorthin gegangen sind.

Als das Puppenspiel dann zu Ende war, stürmten natürlich alle gleichzeitig zur Tür hinaus. Wir zum Glück nicht. Mein Mann nimmt Rücksicht auf mich und unsere Kinder kennen es nicht anders. Wir warten in Ruhe, bis die endlose drängende Schlange kleiner wird und machen uns erst dann auf dem Heimweg. Ich bin erleichtert, dass es zu Ende ist. Draußen, in der Kälte, spüre ich, wie die Anspannung etwas sinkt. Doch auf den Normalzustand komme ich nicht mehr. Den ganzen Abend über nicht. Doch für meine Kinder nehme ich dies in Kauf. Gerne in Kauf.

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