Flashbacks – ungebetene Gäste

Ich kauere auf der Treppe zum Obergeschoß und weine laut, doch ich höre davon nichts. Das einzige, was ohrenbetäubend in der Luft hängt, ist seine laute Heavy Metall Musik, obwohl ich verzweifelt meine Ohren zuhalte. Die Musik klingt so bedrohlich. Ich habe fürchterliche Angst, fühle mich wie gelähmt. Ich möchte am liebsten wegrennen, irgendwohin wo ich diese laute Musik nicht hören muss, doch ich kann mich einfach nicht bewegen. Ich kann nur dort sitzen, mir die Ohren zuhalten und weinen. Er sieht meine Angst, er hört sie, doch die Musik ist ihm wichtiger. Ich solle aufhören zu weinen, mich nicht so anstellen. Doch nicht nur die Musik macht mir Angst, auch er. Er hat so einen aggressiven Blick mit seinen stahlblauen Augen, wenn er könnte, würde er mich sicherlich töten, denke ich mir. Ich bin neun Jahre alt.

Ich bin zu Hause, komme gerade aus dem Schlafzimmer, in dem ich meine beiden Söhne in den Schlaf begleitet habe. Es ist Silvester und wir haben Besuch von zwei Freunden. Meine beste Freundin sitzt auf dem Sofa und hat laut Heavy Metall Musik an, damit unsere Hunde das Feuerwerk nicht so laut mitbekommen. Eine typische Situation für mich: Der Flashback, „das heißt szenisches Wiedererleben traumatisierender Ereignisse, die zwar kognitiv der Vergangenheit zugeordnet werden, emotional jedoch als real erlebt werden.“ (Bohus/Schmahl: 2006).

Ich bitte meine Freundin, eine andere Musik anzumachen. Ich weiß, sie hört gern solche Musik, doch ich kann es nicht ertragen. Ich fühle mich gefangen im Körper dieses neunjährigen Mädchens, das solch lähmende Angst verspürt, dass sie nichts machen kann. Es dauert kurz – für mich unendlich lang – bis meine Freundin die Musik wechselt. Ich bin dankbar und erleichtert, sie hat meine Lieblingsmusik angemacht. Und doch brauche ich einige Zeit, um mich von diesen intensiven negativen Gefühlen zu erholen. Später kommt mein Mann mit unserem zweiten Freund hinzu, sie waren auf der Terrasse eine Zigarre rauchen. Unser Freund fragt, ob wir nicht wieder die Musik von vorhin hören könnten, die findet er ganz gut. Meine Freundin sagt, Anika mag die nicht. Er fragt genauer nach. Ich erkläre. Flashbacks. Sie kommen immer wieder … immer wieder … immer wieder. Bei zu vielen Gelegenheiten. Zum Beispiel bei dieser Musik, da der neue Mann meiner Mutter sie immer gehört hat, mal in normaler Lautstärke, jedoch viel öfter in ohrenbetäubender Lautstärke, wenn er betrunken war, oder wütend oder ihm sonst etwas missfiel. Diese Musik versetzt mich immer wieder in das kleine ängstliche Mädchen. Die Gefühle von damals sind dann genauso intensiv, lähmen mich und ich habe nur noch den Drang aus dieser Spirale heraus zu kommen. Es ist nicht nur diese Musik. Auch der Geruch des Parfüms, welches er trug, löst es aus, oder Rum mit Kakao, den er schon morgens vor der Arbeit trank. Seine Zigarettenmarke,und und und …

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